Der BahnhofPanther

Es ist einer jener verregneten Vormittage, der das Mürztal in Nebel hüllt. Wunderschön also. Mein Weg führt mich wieder einmal zum Bahnhof. Solange ist es noch nicht her - gerade einmal eine knappe Woche, dass ich meine Ausstellung abgebaut habe, die Fotos und die Videos aus jenem kleinen Raum, der jetzt seit geraumer Zeit saniert als Kunstbegegnung dient.

Der Bahnhof und der Raum - das Ziel; ich treffe mich mit jenen Initiatoren und Künstlern, die am 30. September ihre Ausstellung eröffnen und die Werke präsentieren werden.  Es ist ein frequentierter Termin - die Lesung „Die Kinder der Toten“ in Kapellen hat bereits begonnen, der erste Drehtag/ Crash/ der Jelinek-  Verfilmung findet statt, jede Menge Kunst - jede Menge Gründe also, nach Neuberg zu kommen.


Der Bahnhof - kurzes Innehalten! - von dem perpetuierend gesagt wird: „Es ist so ein Jammer, dass er nicht genutzt wird“ - wird gerade wieder erweckt. Untote gibt es bei Jelinek - am Bahnhof Leben! Ein Interview mit den Exponenten der Künstlergruppe ANONIM.


Künstler bleiben nicht unter sich, sie eröffnen, gestalten und präsentieren: Dazu gehören Daniel Ramirez und Miriam Jesacher. Am 30. September, mit Shuttledienst von Kapellen aus. Es ist eine Möglichkeit sich mit dem Bahnhof auseinanderzusetzen, es muß nicht unbedingt gefallen! Aber der Bahnhof! Die Künstler: Cathi Bolt ,  Christoph Harringer , Fanni Futterknecht ,  Marlene Hausegger , Katrin Hornek , Miriam Jesacher , Edith Payer , Helmut Heiss und Daniel Ramirez freuen sich auf Ihr Kommen.

dMP: Könnt Ihr kurz den Inhalt eurer Ausstellung umreissen?

Miriam Jesacher:  Im Ausstellungsraum wird aber jeder Künstler vertreten sein. Daneben wird es auch eine Arbeit im Keller geben und eine, die im Außenraum funktioniert. Da das Areal so groß und schön ist, haben sich Künstler auch andere Räume ausgesucht, um auszustellen. Daniel Ramirez: Der Keller wurde auch gerade hergerichtet und der Ausstellungsraum wird den Namen “LUCKYFINISH” tragen. Er wird das erste mal für eine Ausstellung genutzt.

dMP: Gibt es eine Themenbezogenheit für die Objekte?

Daniel: Der Name des Raumes ist einfach der Name des Raumes, die Ausstellung wird den Titel "WISH YOU WERE HERE" tragen ...Miriam: Es drückt eine Sehnsucht aus; Wunsch hat mit Erinnerung zu tun, mit Vergangenheit und gleichzeitig ist es eine Möglichkeit für die Zukunft. Auch was den Bahnhof betrifft, er hat seine Geschichte und neue Möglichkeiten. Das drückt der Titel für mich aus. Der Ausstellungsraum soll nicht nur einmal bespielt werden, es ist angedacht, dass ein - bis zweimal im Jahr Künstler eingeladen werden und hier arbeiten können; so etwas wie eine "residence" machen. Daniel: Auch dass das Neuberg college einen Ausstellungsraum hat. So wie es auch in vielen Schulen der Fall ist. Einfach, wo bildende Künstler ihre Sachen präsentieren können.

dMP: Dieser ist ja eigentlich für Präsentationen einer der kleinsten Räume!

Miriam: Das stimmt, aber er war gut herzurichten und eine endgültige Lösung ist es ja noch nicht. Wenn alles gut geht, wird es am Bahnhof noch Umbauarbeiten geben (Anm.:  Eine Begehung mit Landeskonservator Dr. Christian Brugger fand am 21. september 2017 statt),  wobei sich durch das Verschwinden der Wand ein neuer Raum auftun wird. Das ist eine einstweilige Lösung.


dMP: Auch wäre wie in der Wartehalle die beidseitige Begehung dann möglich... Womit kann Neuberg rechnen, was wird es zu sehen geben? Was ist projektiert?

Miriam: Es sind zehn Künstler von ANONIM ...

dMP: Du sprichst das i von ANONIM wie y aus; das irritiert.

Miriam: Unsere Arbeit soll auch immer ein bisschen irritieren. Daniel und ich haben auch international gearbeitet und über zehn Jahre Ausstellungen gemacht, jetzt wollen wir mehr wie ein Label sein, das kuratiert und Veranstaltungen organisiert. Die Künstler werden von Anonim eingeladen, wir sind aber nicht in einem kollektiven Prozeß miteinander verbunden.

Daniel: Wir stellen Räume für Künstler zur Verfügung und kuratieren die Ausstellung.

dMP: Ihr arbeitet mit dem Neuberg college.

Miriam: Im Sommer während des College waren die Künstler auch hier und in der Woche gab es ein Zusammentreffen. Unsere Arbeitsweise ist so, dass wir uns die Dinge anschauen und es braucht dann einige Zeit, dass sich daraus etwas entwickelt. Die Arbeiten sind jetzt für diesen Raum produziert worden.

Daniel: Es werden Objekte und Fotos gezeigt, weiters eine performative Installation.

“Es wird aber auch Objekte geben, mit denen man nicht viel anfangen kann, aber: Es wird im Menschen etwas auslösen.”


Auch Künstler von uns waren am steirischen Herbst vertreten. Das Qulitätsniveau ist sehr ähnlich …”

Miriam: Die Künstler, die wir kuratiert haben, sind langjährige Freunde, deren Arbeitsweise wir sehr gut und sehr genau kennen. Sie beschäftigen sich mit gewissen Themen, und machen sehr kritische Kunst; sie beschäftigen sich mit gesellschaftlichen Entwicklungen, mit Natur, aber auch sehr minimalistischen Objekten.

Daniel: Das sind minimalistisch, poetische Objekte.

dMP: Entschuldige, poetisch oder politisch?

Miriam: Politische Arbeiten sind auch dabei.

dMP: Das sind viele Projekte für einen kleinen Raum!

Miriam: Das wird sehr kompakt. Es war schon ein Wunsch, dass jeder Künstler im Ausstellungsraum vertreten ist. Auch wenn eine Arbeit im Keller ist, gibt es zumindest einen Hinweis. Das ist eine zweite Ebene.

Daniel: Wichtig war uns, dass der Raum eröffnet wird.  Deswegen möchten wir auch alle Arbeiten hier präsentieren.

dMP: Wo liegen Eure Erwartungen? In Neuberg? Dass sich die Leute mit den Themen, der Darstellung zu beschäftigen anfangen?

Miriam: Dieses Thema reflektieren wir gründlich, ein Raum bietet eine Möglichkeit, aber es wird auch irritieren. Weil es sehr modern und zeitgenössisch ist. Irritieren wird es auf eine sehr neutrale Art und Weise. Wenn Menschen kommen, die sich damit kaum auseinandergesetzt haben, wird es viele geben, die es schön finden - womit sie sich auch identifizieren können. Es wird aber auch Objekte geben, mit denen man nicht viel anfangen kann, aber: Es wird im Menschen etwas auslösen. Der Besucher kann sich auf seine Art und Weise beschäftigen mit einer Arbeit, hinter der ein Thema steckt. Das sind Arbeiten, die ohne große Erklärung funktionieren. Ohne das Wissen zu haben. Sie funktionieren im Raum und deshalb ergibt es im konstruktiven Sinne Konfrontation.

Daniel: Vor allem auch Austausch.

Miriam: Es schließt Offenheit und Interesse mit ein. Wir wollen auch Plakate aufhängen; die Frage ist, wie es ankommt. Das ist eine Erfahrung für uns. Wichtig ist uns, eine Verbindung herzustellen und keine "Parallelwelt" zu haben.



dMP: Ist grundsätzlich zeitgenössische Kunst hier positionierbar?

Daniel: Es wäre uns auch sehr wichtig, dass Leute von hier kommen. Es ist nicht so, dass wir Kunst präsentieren für Leute, die wir aus Wien mitbringen, sondern dass Leute aus der Gegend sich das anschauen.

Miriam: Mir ist es auch sehr wichtig, dass wir während der Ausstellung anwesend sind. Und dass man darüber spricht und sich austauschen kann. Ein wichtiger Punkt ist auch, dass der Zeitpunkt mit dem steirische Herbst zusammenfällt und natürlich Kunstpublikum mitbringt. Es gibt von dort eine Verbindung zu uns. Der Bahnhof wird über einen Shuttle von Kapellen angebunden. Das ist ohnedies interessant: Wie die das Projekt anlegen, die Feuerwehren einzubinden und Einfluss auf die Arbeit zu nehmen ...

dMP: Die Möglichkeiten des steirischen Herbst sind andere ... Miriam: Auch Künstler von uns waren am steirischen Herbst vertreten. Das Qulitätsniveau ist sehr ähnlich, wir haben auch Förderungen beantragt, aber es gibt noch keine Entscheidungen. Natürlich sind das andere Markting, PR und finanzielle Dimensionen. Wir haben lediglich ganz einen kleinen Topf, aus dem wir schöpfen.


dMP:  Viele können von der Kunst nicht leben?!

Miriam: Das ist reelle Praxis. Ich kenne keinen Künstler, der nicht auch einen Erwerbsjob nebenbei hat. 90% haben eine Nebenbeschäftigung, um sich das Leben zu finanzieren. Den Rest der Zeit macht man Projekte.

dMP: Die Kunst - brotlos?

Miriam: Absolut. Es sind sehr prekäre Arbeitsverhältnisse. Ich glaube, das betrifft nicht nur die bildende Kunst, sondern auch Architektur, Schauspiel, Musik ... Bei uns ist die Produktion gedeckt, sonst könnten wir das nicht machen.

Daniel: Vielleicht hätten wir es sonst in kleinem Rahmen gemacht.

Miriam: Die Künstler einzuladen, verlangt doch ein bisschen Kapital: Schlafen, Essen, Transportkosten;

dMP: Ihr seid an diesen zwei Wochenenden anwesend?

Miriam: Ja, am 30.9 und 1. 10. und dann am Wochenende vom 14. und 15. Oktober. Am ersten Samstag, den 30. September gibt es eine Eröffnung mit Musik, Getränken, Kunst und Essen. Ein Begrüßungsritual mit Gesprächen...

Daniel: Geplant ist um 14 Uhr.  Es wird auch ein Werk von Miriam und mir zu sehen geben.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Rechts: Die Künstler und Initiatoren Miriam Jesacher und Daniel Ramirez vor dem Bahnhof in Neuberg an der Mürz.