Der Naturpanther

Der Häher

Eines bewahrheitet sich jeden Tag auf`s Neue: Wer einen Garten hat, kann sich einen Fernseher ersparen, um diese - Gott! wie langweiligen, seit Jahrzehnten furchtbar beliebten - „Natursendungen“ zu sehen. Der Informationsgehalt ist sehr dürftig - meist erfährt man nicht einmal, wie groß das gezeigte Tier ist. Deshalb setze ich mich in meinen Garten und lasse die Natur walten. Da gibt es abwechslungsreichstes Tiergeschehen: Über den Tag, durch die Nacht, durch die Monate und Jahreszeiten bis rund um`s Jahr. Es ist überwältigend: Tierstimmen (über fiepen bis zu angsteinflößende Schreie), Kämpfe (um das Futter, während der Balzzeit) und Brutpflege (unermüdlich fliegen die Eltern, um Futter heran zu schaffen).

Genießen Sie in Echtzeit und in voller Länge - mit Wiederholungen, so oft Sie wollen. Ungeschönt und ungeschnitten spielt sich das Leben der Tiere in tausenderlei Variation vor Ihren Augen ab. Nehmen Sie sich die Zeit, um die Faszination nicht nur zu konsumieren, sondern auch zu spüren!

Das Thema, das sich gerade anbietet, ist das Verhalten des Eichelhähers, ein Krähenvogel. Garrulus Brisson. Er ist sehr weit verbreitet und natürlich optisch höchst attraktiv.

Das Foto rechts wie auch links zeigt den Grund des Interesses an unserem Garten: Die Fruchtbäume. Rechts der Häher auf dem Kirschenbaum, links ein Mittelspecht auf dem Zwetschkenbaum. Letzterer ist bereits besonders alt, trägt aber noch gut und gilt nicht zu Unrecht als die beste Zwetschke zwischen Semmering und Murau.

Die Attraktivität der bereits halbgetrockneten Kirschen haben natürlich auch andere Vögel entdeckt. Die Früchte sind besonders süß - nach so einem herrlichen Sommermonat!

Wir freuen uns über Lerchen, Amseln und Spatzen. Es gibt natürlich auch sehr viele Meisen.

Und nun ein paar Fakten: Aus Avifauna Steiermark, Albegger, Samwald, Pfeifhofer, 1.Auflage 2015, Birdlife Österreich, Stmk; kann man einiges über diesen Vogel erfahren. Beispielsweise: Er dringt bis in die montane Stufe in 1700 Meter Seehöhe vor. Im Alpenraum findet man diesen Vogel hauptsächlich in breiteren Flusstäler, da wird ihm das Mürztal so richtig zusagen. Der Eichelhäher brütet in Laub- und Mischwäldern, in halboffenen Landschaften mit Baumgruppen. Ich zitiere diese Passage, weil es die idente, bei uns gegebene Landschaftsform ist.

Das Nest, dessen Bewohner wir so intensiv beobachten können ist etwa 150 Meter entfernt. Mit freier Sicht auf den Kirschenbaum. Deswegen sehen und hören wir sie kommen: Es sind teils fünf Exemplare gleichzeitig, die sich auf Futtersuche in unseren Garten begeben. Meist schreien sie beim Anflug - aber auch beim Rückweg. Dieser Schrei ist einer,den man - wenn man ihn einmal gehört hat - nicht mehr vergisst. Heiser und rauh, durchdringend und als „rätschen“ bezeichnet. Es klingt jedesmal wie eine Warnung an die anderen Vögel. Wenn diese zu dem Zeitpunkt auch tatsächlich im Baum sitzen, tritt panische Flucht auf den Nachbarbaum oder in die Wiese ein. Nicht ganz unbegründet: Zeichnet sich dieser Vogel doch durch eine nicht unstattliche Körpergröße von bis zu  34 cm aus. Bei zwei Gelegen im April und Juni müssen da schon beträchtliche Mengen an Futter herbeigeschafft werden.

Ein paar Worte muss ich noch zu seinem Flugbild sagen, bevor wir zu den Mythen kommen: Die meisten kennen den Flug des Spechtes. Er schlägt dreimal mit den Flügeln und gleitet dann. Dadurch beschreibt er eine Auf- und Abwärtsbewegung. Ähnlich konnte ich dies auch beim Eichelhäher beobachten, mit einem Unterschied: Es ist diese elegante Gleitphase, die dem Häher fehlt. Er fällt ruckartig im Flug ab, um erst wieder mit dem nächsten Flügelschlag an Höhe zu gewinnen. Diese Beobachtung bestätigt sich durch die Schilderung in Brehms Tierleben: „ …ebenso ziemlich geschickt auf dem Boden, aber ein ungeschickter Flieger und vermeidet es überaus ängstlich, auf weithin freie Strecken zu überfliegen. Eine Eigenheit des sonst so geselligen Vogels, daß er nämlich, wenn er über Feld fliegt, niemals truppweise, sondern immer nur einzeln, einer in weitem Abstande hinter dem anderen dahinzieht, bringt Neumann, und wohl mit Recht, in Zusammenhang mit der Gefahr, die ihm von Raubvögeln droht.  

Warum aber ist der Eichelhäher so schlecht beleumundet ? Gilt er als Feind der Singvögel, als Nesträuber gar? Genau! Wie wieder der Avifauna zu entnehmen ist, galt der Garrulus glandarius im 19. Jahrhundert auch in der Steiermark als einer der „ärgsten Feinde der Singvögel zur Fortpflanzungszeit“. Deswegen wird er … Richtig! Auch heute noch jagdlich verfolgt. Vielleicht schreit er deshalb so bedrohlich! Wir jedenfalls haben unsere Freude an ihm. Einige Exemplare haben auch schon ziemlich die Scheu verloren - sie bleiben unbekümmert auf den Ästen sitzen und fressen ihre süße Beute.


Wohl bekomm`s und danke für das Interview!

Brehms Tierleben - das Standardwerk sagt in der dritten Auflage (1929), dritter Band: Die Vögel folgendes über den Häher: „Andere gefährliche Gegner scheint der wehrhafte Gesell nicht zu haben. (Lediglich Habicht, Sperber, Uhu und Waldkauz). So sind leider alle Bedingungen für seine stetige Vermehrung gegeben.“

 

Und wovon ernährt sich der Garrulus selber? Darüber kann man lesen: „Der Häher ist Allesfresser im ausgedehntesten Sinne des Wortes und der abschaulichste Nestzerstörer, den unsere Wälder auszuweisen haben… Lenz hält ihn für den Hauptvertilger der Kreuzotter und beschreibt in ausführlicher Weise, wie er jungen Kreuzottern, so oft er ihrer habhaft werden kann, ohne Umstände den Kopf spaltet und sie dann mit großem Behagen frißt, wie er sogar die Erwachsenen überwältigt, ohne sich selbst dem Giftzahn auszusetzen, indem er den Kopf des giftigen Reptils so sicher mit Schnabelhieben bearbeitet, dass die Otter bald das Bewußtsein verliert und nun durch einige rasch aufeinanderfolgende Hiebe binnen wenigen Minuten getötet wird.

Diese Passage ist faszinierend in ihrer formulierten Lebendigkeit, zeichnet packend das Kampfgetümmel wie in einer Schilderung von Kippling nach. Ich bin begeistert! Die Stellen, die mich aber bei weitem mehr faszinieren, sind jene, die nicht mit Adjektiven sparen: Die Beschreibung der Physiognomie: „Er ist gekennzeichnet durch kurzen, kräftigen, stumpfen, auf dem Firste wenig gebogenen, schwachhakigen Schnabel, mäßig hochläufige Füße, die an den mittellangen Zehen mit scharfgebogenen, spitzigen Krallen bewehrt sind, kurze, stark zugerundete Flügel, mäßig langen, sanft zugerundeten Schwanz und sehr reichhaltiges, weiches, strahliges, auf dem Kopfe verschmälertes und hollenartiges verlängertes Gefieder, dessen vorherrschende Färbung ein schönes, oberseits dunkleres, unterseits lichteres Weinrotgrau ist;

 

Im Folgenden wird die Farbgebung des ganzen Vogels beschrieben; ich möchte das nicht im Wortlaut wiedergeben, sondern nur die unfassbare Palette an Farben zitieren: Weinrotgrau, weiß, schwarz, bläulich, samtschwarz, gelblichweiß, weißlich, braunschwarz, grauweiß, blau, himmelblau, schwarzblau, perlfarbig, bräunlich, fleischrot. Das sind 15!, in Worten: fünfzehn Farben!


Gestatten: Margolf.


Ein Vogel stellt sich selbst vor, ein Vogel spricht!

„Wie aus später zitierter Literatur zu entnehmen ist, habe ich ein reiches Repertoir an erstaunlichen Lautfähigkeiten. Es reicht von kreischenden und abscheulichen Rätsch und Räh über katzenähnliches Miau, bis hin zu dem zwar etwas bauchrednerischen, aber klar verständlichen Margolf. Gestatten. Neben diesen Naturlauten entlehne ich mir gerne alle Töne und Gräusche, die ich in meinem Gebiet wahrnehmen kann. Ich kann den Ruf des Bussards auf das täuschendste und so regelmäßig wiedergeben, dass ihr im Zweifel bleibt, ob ich fremdes oder eigenes Gut zu Markte bringe.“