Der Naturpanther

Die Wildlilien

Eine unserer größten Errungenschaften der Kultur ist der Schutz. Der Schutz von vielem, auch von Bauwerken, Tieren und natürlich auch der Pflanzen. In der Steiermark findet sich von Tälern bis in alpine Lagen eine ungeheure Fülle an Pflanzenvielfalt und Diversität. Sehr viele davon sind sehr unscheinbar, sie fallen nicht weiter auf. Andere aber gehören zu den schönsten Vertretern durch ihre Blüten der heimischen und steirischen Flora. Dazu zählen die Wildlilien. Lesen Sie ein Interview mit dem Botaniker Hr. Mag. Kurt Zernig vom Universalmuseum Joanneum.

Mehr über das Programm des Joanneums können Sie hier erfahren.



Mag. Kurt Zernig: Die „Gefährdung“ einer Art wird nach wissenschaftlichen Kriterien festgestellt. Dabei wird die Größe und Entwicklung der gesamten Population, die Situation der Lebensraumes, sowie deren Entwicklungstendenzen berücksichtigt. Als Ergebnis einer solchen Untersuchung wird die Art einer Kategorie zugeordnet. Heute werden dafür meist die Kategorien der IUCN (International Union for Conservation of Nature and Natural Resources) verwendet:

 

DD Data Deficient (Datenlage ungenügend zur Beurteilung)

LC Least Concern (nicht gefährdet)

NT Near Threatened (potenziell gefährdet)

VU Vulnerable (gefährdet)

EN Endangered (stark gefährdet)

CR Critical Endangered (vom Aussterben bedroht)

EW Extinct in the Wild (in der Natur ausgestorben)

EX Extinct (ausgestorben)


Diese Aussagen können sowohl weltweit getätigt werden als auch für ein bestimmtes Gebiet. Daher ist immer darauf zu achten, auf welches Gebiet sich eine bestimmte Gefährdungsaussage bezieht.

 

Die Türkenbundlilie: Lilium martagon, links

Sie wird zwischen 30 und 150 cm hoch und steht gesellig in Gebüschen, Laubwäldern und Bergwiesen. Der rispige Blütenstand trägt bis zu fünfzehn schmutzig - hellpurpurrote Blüten (siehe Textfeldfüllung), die Sie im Juli und August bewundern können. Sie ist eigentlich in ganz Europa beheimatet, bis in Höhen von 2500 Metern und ist geschützt!

dMP:  Sie sind bei der Erstellung der "Geschützten Pflanzen in der Stmk" mit Kartierung der Blühpflanzen beteiligt gewesen. Es gelten danach die Feuerlilie und die Türkenbundlilie als teilweise geschützt! Ab wann gilt eine Pflanze als teilweise geschützt? Durch einen Rückgang der Dichte des Bestandes? Bedingt durch Flurschändung durch den Menschen? Durch klimatische Veränderung: Wandern in die Höhe; Verschwinden bestäubenden Insekten?


Mag. Kurt Zernig: Grundsätzlich muss zwischen der „Gefährdung“ und dem „Schutz“ unterschieden werden. Die Kategorisierung der Arten in diese Gefährdungsstufen erfolgt wie gesagt nach nachvollziehbaren, wissenschaftlichen Kriterien und wird von Fachleuten durchgeführt. Die Ergebnisse werden in sogenannten „Roten Listen“ zusammengefasst.

Davon zu unterscheiden ist der „Schutz“ von Arten. Er beruht auf gesetzlichen Grundlagen und ist damit das Ergebnis eines politischen Prozesses. Im besten Fall orientiert sich der Gesetzgeber (in Österreich ist Naturschutz, und damit auch der Artenschutz, Ländersache) an den fachlichen Grundlagen, wie sie z. B. in einer „Roten Liste“ zusammengefasst sind. Es fließen aber auch viele andere Interessen ein, die naturschutzfachlich in keinem Zusammenhang mit dem Artenschutz stehen. Insbesondere Interessen der Land- und Forstwirtschaft sowie der Jagd werden im politischen Entscheidungsfindungsprozess oft höher bewertet. Das heißt, ob eine Art vollkommen oder teilweise – oder überhaupt nicht – geschützt ist, dafür gibt es keine streng nachvollziehbaren Kriterien. Genauso wenig ist es aber völlig dem Zufall überlassen – die Liste ist eben das Ergebnis eines Kompromisses.

Die Madonnenlilie: Lilium candidum


Madonnen-Lilien sind  in den östlichen Mittelmeerländern und Griechenland angesiedelt. Wilde Bestände gibt es in der Steiermark allerdings nicht.

Erste Abbildungen dieser so erhabenen Blume finden sich bereits lange vor Christus. Sie trägt eine Traube aus zwölf bis fünfzehn reinweißen (siehe Textfeldfüllung) Blüten. Die Zeit, in der sie blühen ist etwas früher - wahrscheinlich durch die Ursprungsländer klimatisch bedingt - von Mai bis Juni.

„Ob eine Art vollkommen, oder überhaupt nicht geschützt ist, dafür gibt es keine streng nachvollziehbaren Kriterien.“

dMP: Wer unternimmt das "screening"? Kann man lokal überhaupt den Bestand mit Sicherheit feststellen? Gibt es nicht auch "natürliche" Schwankungen im jährlichen Bestand, Ausbreitung? Kommt jede Pflanze grundsätzlich jedes Jahr?

Mag. Kurt Zernig: Niemand unternimmt das „screening“. Zumindest hat niemand den Auftrag oder Mittel dazu, die Bestände der Pflanzen (und sei es nur der geschützten Arten) vollständig zu erheben. Auf kleinerem Maßstab erheben wir im Universalmuseum Joanneum das Vorkommen von Pflanzenarten. Dabei wird aber (mit Ausnahme sehr seltener Arten) nicht jedes einzelne Vorkommen erhoben sondern nur versucht, ein zusammenhängendes, aussagekräftiges Bild über das Verbreitungsmuster zu erhalten.

 

Was heißt mit Sicherheit feststellen? Wenn ich eine bestimmte Pflanze sehe und sie z. B. als „Türkenbund-Lilie“ identifiziere, dann habe ich das Vorkommen an diesem Punkt zu dieser Zeit mit Sicherheit festgestellt. Problematischer ist die negative Aussage, denn dass eine bestimmte Art in einem Gebiet bisher nicht gefunden worden ist, heißt nicht unbedingt, dass sie dort nicht vorkommt; es könnte ja auch sein, dass sie einfach übersehen worden ist. Oft kann man aber mit dem Wissen über die Ansprüche einer Pflanzenart an den Lebensraum schon abschätzen, ob ein Vorkommen überhaupt möglich wäre.

 

Es gibt auch Schwankungen im Bestand, wie stark diese sind und in welchen Zeiträumen sie sich bemerkbar machen, hängt aber von der jeweiligen Art ab. Auch ob jede Pflanze jedes Jahr austreibt oder blüht, ist von Art zu Art unterschiedlich und hängt dann stark von den konkreten Umweltbedingungen ab.

Die Feuerlilie: Lilium bilbiferum

In Kärnten wird diese Prachtpflanze auch Donnerrose genannt. Sie wird bis zu 120 cm hoch und an Waldrändern und Bergwiesen auch an sonnigen Standorten. Ich kenne sie aus dem Wald, wo sie an Lichtungen anzutreffen ist.

Sie sind von weitem zu sehen, durch ihre leuchtend rote oder gelbrote Farbe (siehe Textfeldfeldfüllung). Auch sie trifft man in Höhen von 2400 Metern noch an. Auffallend sind auch die vielen Bulbillen, an den Blattachseln.

DMP: Es gibt zum Schutz der Pflanzen Paragraphen. Darf man Teile von Blühpflanzen - speziell Lilien - entnehmen: Staubgefäße, Blattbulbillen, Samenkapseln?

Mag. Kurt Zernig: Die Feuer-Lilie und die Türkenbund-Lilie sind in der Steiermark teilweise geschützt; damit ist die Entnahme von oberirdischen Teilen bis zur „Handstrauß“-Menge zulässig. Da unsere Wildlilien in der Natur viel hübscher sind als in einer Vase, sollte auf das Pflücken aber völlig verzichtet werden. Das Ausgraben der Pflanzen ist jedenfalls verboten!


DMP: Dürfen Sie aus der Natur für die Bestandssicherung, Nachzüchtung Pflanzenteile/ Zwiebel entnehmen? Wer darf das? Kultiviert man bei Ihnen Wildlilien, bzw. gibt es eine Stelle in der Stmk?

Mag. Kurt Zernig: Nein, es gibt keine Stelle für die Kultur bzw. Nachzüchtung von Wildlilien in der Steiermark.Die Wildlilien sind bei uns auch nicht wirklich selten. Es gibt in der Steiermark sehr viele Arten von Blütenpflanzen, die viel, viel seltener sind.


DMP: Wie erfolgt in der Natur die Vermehrung von Feuer/ Türkenbundlilie? Samen, Vögel, Zwiebelteilung? Bei unseren Beständen stehen die Türkenbund oft paarig: Ist das ein Zufall?

Mag. Kurt Zernig: Sowohl Türkenbund- als auch Feuer-Lilie bilden in ihren Kapseln ganz flache Samen mit einem Flügelsaum, die vom Wind verweht werden.

Auf ungeschlechtlichem Weg können sich die Lilien durch Zwiebelteilung vermehren. Die Feuer-Lilie bildet auch sogenannte „Brutknospen“ in den Blattachseln, die nach dem Abfallen zu neuen Pflanzen heranwachsen. Die auf diesen Wegen entstehenden Pflanzen sind mit der Mutterpflanze genetisch ident.

 

dMP: Ganz wichtig ist...?

Mag. Kurt Zernig: Keine Pflanzen aus der Natur ausgraben und im eigenen Garten anpflanzen. Es geht sowieso meistens schief und richtet Schaden in der Natur an.

Beim Ziehen von Wildlilien aus Samen ist Geduld erforderlich: Bis zur ersten Blüte vergehen gut und gerne fünf, sechs Jahre.


dMP: Welche chemischen Stoffe sind die fargebenden für Lilien: rot, rosa, ... ?

Mag. Kurt Zernig: Generell sind für purpurne, rosarote und blaue Farben meist sogenannte Anthocyane verantwortlich, die im wässrigen Zellsaft gelöst sind. Gelbe und orange Farben hingegen haben ihre Ursache in fettlöslichen Carotinoiden.


dMP: Wie viele Chromosomensätze (gibt es bei dem genetische Material botanische Besonderheiten?) haben Lilien? Ist die Zahl der Chromosomensätze für die Vermehrung ausschlaggebend? Welche unter diesen lassen sich kreuzen? Gibt es hier Regeln? Konkret: Kann ich eine Madonnenlilie mit einer Feuer- oder einer Türkenbund kreuzen? Sind Wildlilien untereinander kreuzbar? Wenn nicht. Warum?

Mag. Kurt Zernig: Jede Pflanze hat in der Regel einen (zumindest) doppelten Chromosomensatz, das heißt, jedes Chromosom liegt in zweifacher Ausfertigung vor (dabei stammt ein Chromosom vom „Vater“, das andere Chromosom von der „Mutter“). Die meisten Lilien-Arten haben insgesamt 24 Chromosomen. Ob Arten miteinander kreuzbar sind, hängt von vielen Faktoren ab, einer davon ist auch der Chromosomensatz.


DMP: Herzlichen Dank für das Gespräch.

Und das darf überhaupt nicht sein: Sie haben nichts davon. Gerade Wildlilien vermehren sich auch über die Samenkapseln. Rechts eine abgeschnittene Türkenbundlilie. Man verhindert damit erfolgreich die Verbreitung in der Gegend, darum mein Tipp: Kaufen Sie sich lieber einen Fotoapparat, damit können Sie auch anderes ablichten!

„Es gibt in der Steiermark sehr viele Arten von Blütenpflanzen, die viel, viel seltener sind.“


Die Tigerlilie: Lilium tigrinum oder Lilium lancifolium.

Die Lilie, die aus der Höhe kam. Beheimatet in China und Japan wächst sie bis in Höhen von 3000 Metern an Berghängen. Die Farbe der Blüten (siehe Textfeldfüllung) wird als Zinnoberrotbeschrieben. Sehr auffällig sind die dunklen Punkte. In der Natur, also wild werden diese wunderbaren Blühpflanzen bis zu 130 cm groß. In der Kultur um 50 cm höher und sie tragen auch bedeutend mehr Blüten. Statt bis zu fünf können es auch gut und gerne zwanzig sein!

Die natürliche Pflanze weist eine Chromosomenzahl von 2n = 24 auf. Das ist jeweils ein Chromosomensatz des Vaters und der Mutter. In Kultur werden sie steril, ihr „artifizieller“ Satz beträgt 2n = 36. Und der triploide Satz ist Garant für keine weitere Vermehrung über Samen. Jedoch sind die Bulbillen - die sie ähnlich ausbilden wie die Feuerlilien - natürlich weiterhin fruchtbar. Das wird auch vegetative Vermehrung genannt.