Zwischen Graz und Wien: Mürzzuschlag unter Bgm. Ing. Karl Rudischer

Mürzzuschlag ist eine Stadt voller Gegensätze. Geschichte wie Zukunft. Diese Situation ist vor allem an der Architektur abzulesen: historische Straßenzüge, Arbeitersiedlungen und moderner Baustil prägen das Aussehen dieser Stadt. Das birgt Chancen. In Kultur, Sport und Industrie.

Ein Interview mit dem Bürgermeister DI Karl Rudischer. Wir haben über fast alles gesprochen, über Politik, Natur und Kultur. Über die Pläne und über das Geleistete. Über Energie und Wasserkraft. Natürlich, wie Sie es vom Mürzpanther gewohnt sind mit Ausführlichkeitsgarantie.

DMP: Gleich vorweg. Wie lange sind Sie schon Bürgermeister?

Karl Rudischer: Es waren am 15. Mai zehn Jahre. Ich bin selber fast erstaunt. Rückblickend ist es überraschend, es war aber eine schöne Zeit. Die nächsten Wahlen sind im Jahr 2020. Bisher war es aber auch üblich, dass ein Bürgermeister ein bis zwei Jahre vorher das Amt weitergibt, damit ein „Neuer“ Zeit hat, sich einzugewöhnen.


DMP: Unter dem Altlandeshauptmann Voves gab es die Bezirksfusionen. Was steht im Resümee auf der Haben- Seite für Mürzzuschlag?

Karl Rudischer: Ein schwieriges Thema: Alle reden von der Verwaltungsreform. Das bedeutet, dass man einerseits sparen muss, andererseits Gelder freimachen. Wenn man dann einen Vorschlag macht, sagen alle, dass das ganz furchtbar ist. Aus meiner Sicht - zusammenfassend - ist gar nichts passiert, sondern es funktioniert ganz gut. Natürlich fand ich es auch nicht lustig, dass wir jetzt nicht mehr Bezirkshauptstadt sind. Es ist auch Stolz, den man hat - faktisch ist es Bruck - Mürzzuschlag. Das Service für die Bürger hat sich nicht verschlechtert, sie bekommen weiterhin den Führerschein oder den Reisepass hier vorort. Im Gegenteil: Im Mürztal, in Mitterdorf können sich die Leute aussuchen, ob sie nach Mürz oder Bruck auf die BH fahren. Auch ist meine Vizebürgermeisterin, die auf der BH arbeitet, schon gefordert, aber die Ziele wurden erreicht: Sie haben eine Million Euro an Einsparungen erwirkt - durch Nichtnachbesetzung. Sie haben umorganisiert und gestrafft.

Zu den Gemeindefusionen: Da sind Mürzzuschlag und Ganz zusammengekommen. Trotzdem habe ich mich und alle Parteien bemüht, dass die Ganzerinnen und Ganzer es positiv erleben und es annehmen können. Auch das ist - was auch das Service betrifft - gelungen. Die Schneeräumung beispielsweise funktioniert genauso wie vorher; teilweise in Eigenorganisation der bäuerlichen Betriebe mit Zuschuss der Stadt.



Links erkennen Sie natürlich das Stadtwappen von Mürzzuschlag. Das Stadtrecht wurde - wie ja ohnedies jeder weiß - im Jahre 1923 verliehen.

DMP: Neuberg war ja für die Fusion mit Mürzzuschlag auch im Gespräch. Wie sehen Sie das? In Neuberg war man froh, dass diese Fusion nicht zustande kam.

Karl Rudischer: Natürlich ist es auch so gut, es wäre jedenfalls eine große Herausforderung. Ich hätte gleich g`sagt: Spital am Semmering, Langenwang, Neuberg und Mürzzuschlag; das wären 17 000 Einwohner mit einem hauptberuflichen Bürgermeister - wahrscheinlich nicht ich, da ich noch einen Beruf habe - in einer Größe, die einen gewissen Charme hätte. So wie es jetzt ist, ist`s gut. Es wäre dann flächenmäßig recht groß. Gerade gestern war ich am Niederalpl und habe mir die Zuständigkeit vorgestellt: Das ist schon ein breiter Weg.


DMP: Dann hätte der Herr Bürgermeister weiter fahren müssen ...

Karl Rudischer: Natürlich. Es hätte aber auch Vorteile gehabt, zum Beispiel in der Verbindung der Mikrobusse von Mürzzuschlag nach Mürzsteg. Wir sind aber für Mürzsteg nicht zuständig. Grundsätzlich glaube ich, dass es Sinn macht, gemeinsam Dinge zu erledigen. Das ist uns als Gemeindepolitiker wichtig.


DMP: Unter dem LH Voves hat man den Eindruck gehabt, dass oft gegen den Bund für die Steiermark durchgesetzt hat - eher überraschend. Stellen Sie als Bürgermeister, als Sozialdemokrat auch gegen die Parteilinie Mürzzuschlag in den Vordergrund?

Karl Rudischer: Ich denke schon. Ich bin in der SPÖ, sehe aber nicht von der ersten Minute, wenn ich das Amt betrete bis zum Abend alles durch die Parteibrille. Überhaupt nicht - sondern das was für Mürzzuschlag gut ist und für die Menschen, die dort leben. Ich wüsste gar nicht zu jedem Thema, was „Parteilinie“ ist. Gerade Voves, den ich geschätzt habe, hat das auch immer so gehalten. Er ist ja auch der Meinung, die er unlängst kundgetan hat, dass das der Untergang der großen Parteien ist, wenn man immer nur schaut was der Bund will; diese Klientelpolitik, wie er es bezeichnet. Mit dem habe ich überhaupt nichts zu tun. Wobei ich kritisch versuche das Gemeinsame zu sehen, zum Wohle aller. Das was auch Voves und andere Landeshauptleute gerne machen - politisch sicher geschickt -  ist auf andere zu schimpfen. Die Länder schimpfen auf Wien, die Gemeinden auf Graz, das hat aber keinen Sinn.

DMP: Das ist aber sehr medienwirksam.

Karl Rudischer: Natürlich. Und wir wundern uns, warum es nicht mehr Zusammenhalt gibt. Wie gesagt: Es geht nicht um eine Parteilinie, sondern um Mürzzuschlag. Da gibt es auch oft Situationen, in denen man sagt: „Die Grazer“ in der Landesverwaltung stellen Überlegungen an, was man auch kostenmäßig den Gemeinden hinschieben kann.  Dann muss man sich auch wehren, aber nicht in dem Sinn, dass man sich dahinter versteckt, dass die Anderen ...das geht dann bis zur EU hinauf und zum Schluss sind alle erstaunt, warum wir nicht ein größeres „Wir-Gefühl“ haben.


DMP: Hat das damit auch zu tun, dass Sie auch einen anderen Beruf ausüben? Welchen?

Karl Rudischer: Ich bin Architekt von Beruf und habe ein eigenes Büro in Neunkirchen mit einem Kollegen.


DMP: Kennt man etwas von Ihnen?

Karl Rudischer: In Mürzzuschlag halte ich mich natürlich sehr zurück, öffentliche Aufträge mache ich nicht. Das Gebäude am Stadtplatz, wo jetzt der Hartlauer drinnen ist, ist von mir (siehe Bild rechts). In Eisenstadt habe ich das Haydn- Konservatorium gebaut, Wohnbau in Bruck an der Mur - ich bin aber nicht unter der Elite und in Hochglanzbroschüren vertreten.

Ich bin im eigenen Büro nur halbtagsbeschäftigt, weil es sonst nicht ginge. Ich kann meine Arbeit als Bürgermeister gut erledigen, weil ich selbstständig bin und es mir einteilen kann. Das ist für jeden Kommunalpolitiker eine Herausforderung. Stadträte oder Vizebürgermeister können das auch von der Bezahlung nicht hauptberuflich machen. Es ist auch gar nicht so leicht jemanden zu finden, der das Amt übernimmt.

DMP: Hat sich die Situation für Mürzzuschlag, seit der neue Landeshauptmann Schützenhöfer heißt, verändert?

Karl Rudischer: Nein, die Landespolitik wird so weiter geführt.


DMP: Hinsichtlich Förderungen, Vereinswesen?

Karl Rudischer: Da lässt sich keine Änderung feststellen.


DMP: Wie stehen Sie zu „political correctness“? Ist das nur ein Schlagwort, um Kernprobleme nicht benennen zu müssen? Ist das im Umgang mit anderen etwas Wichtiges?

Karl Rudischer: Wie definiert man den Begriff? Dass man bei einzelnen Worten ganz genau aufpassen muss, um nicht „in`s Fettnäpfchen“ zu treten, ist auch wichtig - aber nicht der springende Punkt. Grundsätzlich geht es schon um Fairness und Offenheit. Man muss schon die Dinge kritisch ansprechen, aber was ich zunehmend mühsam finde, ist das politische “Hick - Hack“, wo es gar nicht mehr um ein Thema geht, sondern nur, wer die schönere Schlagzeile bekommt. Sie kennen bestimmt den Begriff der „postfaktischen Zeit“, die eingetreten ist. Das geht bis in die Gemeindestube herunter. Wir haben Gemeinderatssitzungen und dabei ist besonders spannend, wer die „kritischste“ Frage stellt. Ein Sport von der FPÖ ist, mit dringlichen Anträgen aufzuwarten: 7 Stück, 9 Stück, ... Rechtlich ist es zulässig, sie auf die Tagesordnung zu nehmen. Dann stimmen wir darüber ab. In Folge wird darüber geschrieben, dass sie (Anm.: Die FPÖ) das und jenes tun wollten, die „böse“ Mehrheitsfraktion dies allerdings verhindert hat. So etwas finde ich unfair, wenn man den Mitgemeinderäten keine Sekunde Zeit gibt ...

Das ist nur Effekthascherei, keine ernstzunehmende Gemeindearbeit. Das ist in der Gemeinde alles noch harmlos. In der großen Politik, wo es zunehmend darum geht, wer das „feschere Gesicht“, oder den „keckeren Sager“ hat und eine Schlagzeile mehr bekommt, oder auf facebook die kantigeren Sprüche postet - aber in die Tiefe geht es immer weniger. Immer mehr Show. Das war früher etwas anders, man hat sich auch „gematcht“, aber nicht hin bis zur bewussten Verzerrung. Heute geht das nach dem Motto: Entschuldigen kann man sich noch immer ...


DMP: Wenn man die Zeitungen durchschaut, war eines der Hauptthemen der „Freizeitpark“ ... Windturbinen ...

Karl Rudischer: - Lacht - Das ist offenbar etwas „missverstanden“ worden ... Das ist ein lustiger Spaß! TV Mürz haben zehn Jahre TV Mürz gefeiert. Im Stadtsaal mit einer Veranstaltung und dazu wollten sie auch eine Art „Faschingsbeitrag“ und da der Freizeitpark früher einmal ein Thema war, haben sie uns gebeten, möglichst viel Blödsinn zu reden. Dann hat der Hr. Lendl gesagt, dass er ein 300 - Betten Hotel baut und der Sport Stolz eine Windturbine und einen Skilift. Ich habe noch eine Autobahnabfahrt dazugegeben, dass ein Urlaubsparadies entsteht. Es war vielleicht ein zu trockener Humor.

„Ein gemeinsamer Feind ist ganz gut, wenn ich zum Marsch auf Wien aufgerufen hätte, wären alle mitgekommen.“

DMP: Es ist glaubhaft „rübergekommen“ weil es nicht absurd genug war ... Man hat sich gewundert, auch weil Sie sagten nur mehr über Mürz TV zu veröffentlichen ... Dazu: Die Reaktion auf den Beitrag über Mürzzuschlag im ORF war nicht besonders positiv - in „Am Schauplatz“.

Karl Rudischer: das hat eigentlich letztlich zu einer gewissen Stärkung des „Wir-Gefühls“ geführt. Viele Leute haben mir sehr kritisch geschrieben und mich angesprochen : “Die in Wien, die sollen doch kommen und schauen, was wir Tolles haben!“ Ein gemeinsamer Feind ist ganz gut, wenn ich zum Marsch auf Wien aufgerufen hätte, wären alle mitgekommen.

Es hat letztlich zur Identitätsfindung beigetragen. Ich finde es aber auch unfair. Es sind viele mails geschrieben worden und sie haben erklärt, dass sie kein Städteportrait machen wollten, sondern den Niedergang der Arbeiterschaft und der SPÖ dokumentieren. Der Hr. Gordon hat seine Geschichte schon fertig im Kopf gehabt, wie er hergekommen ist. Irgendwie findet man immer ein paar Leute, die auch teilweise Opfer geworden sind und sich auch so fühlen; Natürlich ist viel passiert, das ist aber nicht der Inhalt dieser Stadt ...


DMP: Worauf sind Sie als Bürgermeister besonders stolz? Ist es Kultur, Brahms, was kann als Aushängeschild bezeichnet werden? Die industrielle Entwicklung?

Karl Rudischer: Stolz bin ich eigentlich - obwohl es nicht mein Verdienst ist - das betrifft die letzten 20, 30 Jahre - dass wir den Wandel gut geschafft haben. Wir waren ja wirklich eine Industriestadt - eine Industrieregion, die verstaatlichte Industrie ist in den späten Achtziger Jahren zusammengebrochen, da hat man angedacht, wirklich alles zu schließen. Dann wäre das Mürztal wie Manchester gewesen. Mit regionaler Kraft der Leute hat man auch mit 20% Lohnverzicht - vom Management bis zu den Arbeitern - den Betrieb neu gestartet. Der Claus Reidl hat einmal gesagt, wenn man den Zeitraum von 1985 bis heute anschaut, kann man von einer Erfolgsgeschichte reden. Heute heißt der Betrieb Böhler Bleche mit 94% Export, Weltmarktführer bei vielen Produkten, macht Gewinne und Überschüsse mit 450 Angestellten. In meiner Kindheit waren es 2500. Alle Weichen vom Hochleistungszug Peking - Schanghai kommen aus Leoben Donawitz. Sie sind im Schienen - und Weichenbau Weltmarktführer, mit 1000 Leuten. Früher waren dort auch 7000 Leute. Das ist ein essentieller Strukturwandel! Das waren teils sehr schwierige wirtschaftliche Situationen und die Region kurz vorm „kippen“.

Dann sind da noch unsere Besucher - unsere Gäste, die zum Skifahren kommen. Die kommen eher aus dem Osten und nicht aus Graz. Und trotzdem fährt man von Wien oder von Graz nur eine Stunde. Es stimmt, dass wir von der Industrieregion in eine Mischung aus Wochenendgegend und Industrieregion gewandelt haben, das Zentrum der Stadt ist auch ganz schön, es gibt Innenstadthandel und hier ist gerade die Kultur Motor gewesen, um das Image zu verändern. Dabei ist das Kunsthaus mit den vielen Veranstaltungen auch ausschlaggebend. Das wird auch immer wieder kritisiert, ist aber eine ganz tolle Einrichtung. Wir haben Museen und hochkarätige Dinge für unsere Größe, sind ein regionales Zentrum und haben wirtschaftliche Kraft. Allerdings ist die Bevölkerung immer noch leicht rückgängig, wir sind jetzt ungefähr 8700, irgendwann werden wir dann nur mehr 7500 sein, aber da wird es sich dann stabilisieren. Wir sind ein zentraler Ort und der tägliche Bedarf wird gedeckt. Mein Bild für 2030 ist, dass die „feinen“ Leute in Mürzzuschlag oder der Krampen wohnen und die, die es sich nicht leisten können, müssen in Wien oder in Graz wohnen.


DMP: Zu den Wochenendhäusern: Ist das ein Grund, weswegen die Bevölkerung zurückgeht? Fällt das in`s Gewicht für Mürzzuschlag?

Karl Rudischer: Nicht das Wochenendhäusel, aber viele - auch Schüler und Studenten melden sich in Wien an, obwohl sie hier leben. Auf die Frage, ob sie sich nicht hier melden wollen, sagen sie, dass sei wegen des Parkpickerls. Auch deswegen hat das Land eine Ferienwohnungsabgabe eingeführt, weil wir von den Menschen, die hier leben auch anteilig den Kanal, das Wasser und die öffentlichen Ausgaben brauchen. Die in Wien gemeldet sind, zahlen auch in Wien. Das sind Verteilungsmechanismen. In den letzten zehn Jahren sind es in Summe 1000 Leute weniger. Von diesen 100 pro Jahr ist die Hälfte Überschuss an Sterbefällen zu Geburten und die andere Hälfte ist Wegzug in die Zentren. Das spielt sicher eine Rolle.

DMP: Zur Industrie: Zu der Hochzeit damals war aber auch die Wasserqualität der Flüsse verheerend! Kommen die Touristen nicht gerade wegen der Natur?

Karl Rudischer: Das sieht man schon im Ausdruck: Wir sind nicht mehr die Mur- Mürzfurche, sondern das Mürztal. Ich weiß noch aus dem Studium, dass der Mürzverband- ein Zusammenschluss aller Gemeinden bis Bruck- deren Obmann ich auch bin, der erste Abwasserverband Österreichs war. Dieser hat begonnen, gemeinsam zu entsorgen; er ist mittlerweile auch ein Abfallverband für den Müll. Mit dem Ergebnis, dass die Mürz Güteklasse 1 aufweist. Das ist repariert, hat aber zwanzig Jahre gedauert.


DMP: Wie stellt sich die Energiesituation dar? Ich habe mit Hr. Köpfelsberger gesprochen, der gemeint hat: „Grundsätzlich gibt es nur mehr sieben! Prozent an Bächen, die die Güteklasse 1 haben. Die Bundesregierung hat in der Einteilung der Güteklassen die Bäche und die Flüsse auf die Klasse zwei gesetzt, damit sie Kraftwerke bauen kann. Sie sind mit Hubschraubern drüber geflogen und haben die meisten Gewässer in die Güteklasse zwei eingeteilt.“ (Siehe auch das Interview unter Natur).

Karl Rudischer: Das kann ich Ihnen nicht bestätigen - ich glaube das nicht. Da bin ich nicht Experte - da müssen Sie die Wasserrechtsabteilung fragen. Wenn ich das weiß - mitbekomme - kann ich mir das nicht vorstellen. Ich kann es sogar ausschließen. Das ist sehr sensibel, das Wasserrecht wird immer strenger - und das zu Recht. Fischaufstiege werden auch nachträglich in Staustufen errichtet. Ganz heikel: Es dürfen keine mit Öl betriebenen Motoren mehr in Gewässern eingesetzt werden. Ganz im Gegenteil: dass man etwas nur so heruntersetzt, kann ich mir nicht vorstellen.


„Die Menge macht das Gift- es ist schön langsam genug, weil es wirklich allmählich eine Verschandelung ist !“

DMP: Man hat auch die Windenergie sehr stark ausgebaut? Es leidet leider etwas die Optik und die Schönheit der Landschaft darunter. Auch sind ja nicht die Gemeinden die Betreiber?

Karl Rudischer: Das sind teils private oder auch die Bundesforste. Obwohl die vor ein paar Jahren noch ganz vehemente Gegner waren. Heute bauen sie selber Windparks, weil es mit der entsprechenden Förderung auch ein Geschäft ist. Die Menge macht das Gift- es ist schön langsam genug, weil es ist wirklich allmählich eine Verschandelung! Aufgrund dessen sind wir rechnerisch durch den Park in den Fischbacher Alpen in Mürz aber energieautark! Die erzeugen so viel Strom, dass wir in der Region genug Energie haben. Das Stromnetz ist ja ein großes Netz in ganz Europa. Das ist bereits so eine Menge an Energie, die erzeugt, aber nicht gespeichert werden kann, dass ...

DMP: Wie aus Norddeutschland? Diese Energiegewinnung ist ja von der EU gestützt?

Karl Rudischer: natürlich ist die „Energiewende“ gefördert, weil man ja damit sonst nicht mit der konventionellen Energieerzeugung mithalten könnte. Das ist aber ein eigenes Thema.


DMP: Warum sollte das in zehn Jahren anders sein? Würde sich dadurch nicht der Strompreis erhöhen? Das ist es, was die Leute sehen! Wenn die Förderungen wegfallen, bedeutet es nichts anderes, als dass es teurer wird!

Karl Rudischer: Das ist ein eigenes System, ich glaube es nicht. Wenn es gebaut und finanziert ist - die Betriebskosten sind geringer - natürlich ist es auch ein Verdrängungswettbewerb. Das ist deswegen im Moment so preisgünstig, es ist verzerrt, weil ein Überangebot an Strom da ist. Der Preis ist dadurch geringer und jetzt sind die mit den gestützten Preisen fein heraus. Die anderen fühlen sich benachteiligt - zu Recht oder zu Unrecht. Die Idee aber etwas zu ändern ist nur möglich, wenn ich es fördere. Grundsätzlich glaube ich aber, dass diese Energieerzeugung teurer ist, als andere.

DMP: War das mit der Uni auch ein Scherz? Eine Privatuniversität zu forcieren, ist nicht unbedingt im Portfolio der Sozialdemokraten. Studiengebühren von 18 000 Euro im Jahr, das klingt nach „Elite“. Ist das vertretbar? Oder sehen Sie Mürzzuschlag im Vordergrund - was das den Leuten bringt - auch gegen die Parteilinie?

Karl Rudischer: Das ist ein klassisches Beispiel genau dafür, dass man an die Stadt denken muss. Mit jungen Leuten, Bildung und neuen Inhalten. Es kommt da ein Investor und sagt, er möchte in Mürzzuschlag etwas tun. Ich bin nur etwas zurückhaltend -  mit nur einer Pressekonferenz. Es muss transparent sein. Das Projekt ist bei der Akkreditierunsstelle in Österreich, um eine Zulassung zu bekommen, Vorbereitungen zu treffen und ich bin eher vorsichtig. Irgendwie ist es für mich genauso: Er sagt, wir machen eine Privatuniversität - und ich denke mir: „Ist das jetzt ernst oder ein Scherz!“. Ich kenne aber den Herrn Eapen schon eine Weile und wie er  es kommuniziert, ist das schon ernst gemeint und er will in den Gesundheitsmarkt in Europa investieren. Auch in Pflege und Reha.

Rechts: DI Karl Rudischer, seit zehn Jahren Bürgermeister von Mürzzuschlag und Architekt in Neunkirchen.

DMP: Ich habe in Neuberg mit Leuten darüber gesprochen, die hören es kommt ein US Investor, der mit einer ukrainischen Universität in Mürz etwas investieren will. Das kennt man. Am Ende des Tages fließt Steuergeld - so einen Eindruck gewinnt man. Wie kann man daran arbeiten? Mit einer Pressekonferenz des Herrn Eapen wird das nicht getan sein - er vertritt ja nur seine Interessen, das ist Profit.

Karl Rudischer: Jetzt gilt es einmal zuzuwarten, was sich ergibt. Wir unterstützen ihn, aber das Ergebnis ist aus meiner Sicht offen. Er sagt aber jedesmal: „We are private“ er will gar kein Geld oder dass wir ihm ein Grundstück schenken. Er will nichts. Er istunabhängig. Ich habe ihm zu einem Termin mit der Kages verholfen, zu einem Termin mit dem Landesrat Drexler für Objekte, für die er sich interessiert, in die er sich für den Start einmieten möchte. Da helfe ich zu verbinden und zu verknüpfen. Auch die Wohnbaugenossenschaft wäre bereit für die kommenden Studenten bereitzustellen und umzubauen und zu vermieten. Junge Leute in der Stadt zu haben wäre doch großartig! Ein Arzt aus der Region hat gesagt er unterstützt das voll, weil wir Ärzte brauchen, in Österreich - europäisch, international - und wenn die staatlichen Stellen versagen und nicht genug Ausbildungsplätze zur Verfügung stellen können, dann braucht es auch - wie in Salzburg die Paracelsusuniversität - Privatinitiativen. Es stellt sich dann grundsätzlich die Frage: Wie viel öffentlich - wie viel privat darf sein? Beides darf sein: Ich möchte nicht, dass nur die studieren, die es sich leisten können. Es ist gut und wichtig, öffentliche Einrichtungen zu haben, wenn aber eine Privatuni angeboten wird und dafür gezahlt wird, ...

DMP: Oft attestiert man privaten Universitäten bessere Qualität.

Karl Rudischer: Und wenn man 18 000 Euro p.a. zahlt, will man auch etwas haben. Ordentliche Einrichtungen.


DMP: Der Hr. Eapen ist ja in Graz schon mit seiner MGEI tätig.

Karl Rudischer: Ja. Aber warum Ukraine: Seine Frau ist Medizinerin und Professorin eben auf der Bukovinian State Medical University, daher der Kontakt. Diese Universität ist nach dem Bologna System zertifiziert. Die Zulassungsprozedere sind für öffentliche und private sehr zeitintensiv, sie  dauern zwischen fünf und zehn Jahren, schneller geht es für „branch“ Unis - das sind Filialuniversitäten. Die Ukraine ist bereit eine Aussenstelle zu begründen. Auch in der Nostrifizierungsstelle in Graz hat man uns gesagt, dass das so geht. Die Studenten machen nach dem Bologna System den Abschluss und können mit einer kleinen Zusatzprüfung nostrifizieren lassen. Diese Zusatzprüfung ist schon in der Ausbildung implementiert. D.h.: Man bekommt ein Zeugnis von einer ukrainischen Universität und ist hier anerkannter Arzt. Parallel dazu suchen die Investoren um Zulassung für eine Privatuniversität an. Wenn sie diesen Status haben, dann endet die Zusammenarbeit, das ist momentan ein Hilfe, um einmal starten zu können. Sonst müßte er zehn Jahre warten, bis er alle Zulassungen hat. So hat er es erklärt. Auch ich bin natürlich immer noch vorsichtig und abwartend. Wenn es sich ergäbe, wäre es großartig.

DMP: Auf der Seite von MGEI im „doctor of medicin“ Programm ist Mürzzuschlag bereits im Organigramm als „main facilities“ eingetragen. Es soll ja auch Zusammenarbeit mit Privatkliniken in Kärnten geben.

Karl Rudischer: Er ist ja offensichtlich ein geschickter Bursche und versucht eine Zusammenarbeit mit der Kages. Sie sind natürlich auch vorsichtig, allerdings ist die Klinik Graz auch Partner von der Kages. Von der Klinik gab es aber eher deutlich zu verstehen, dass kein Interesse vorliege an einer Zusammenarbeit mit Hr. Eapen. Dieser strich heraus nicht in Konkurrenz stehen zu wollen, und hat Bereitschaft gezeigt, Geld in gemeinsame Forschungsprojekte zu investieren. Amerikanisch halt. Kontakte gibt es jedenfalls zu Humanomed, einer Gruppe aus Kärnten, ein privates Unternehmen, das Tophäuser in Klagenfurt, Villach und Treibach hat - da sieht man dass man auch mit Gesundheit Geld verdienen kann. Der Geschäftsführer der Humanomed, Dr. Körner hat mich angerufen und mich gefragt, ob ich John Eapen kenne. Er hat sich erkundigt, ob in den Häusern von Humanomed Praktikumsplätze verfügbar wären. Worauf eine Absichtserklärung unterzeichnet wurde. Schade wäre es natürlich, wenn er mit seinen Ideen dann nach Kärnten gehen würde. Ich habe ja auch gefragt: Warum gerade Mürzzuschlag? Dr. Gruber, der ihn berät ist gebürtiger St. Mareiner und hat ihm angeraten, eher aufgrund auch der Kostenstruktur auf das Land zu gehen. Auch weil bei der Campus Idee auch die Freizeitinteressen abgedeckt wären! Auf der Suche zwischen Graz und Wien kam man dann auf Mürzzuschlag, mit einem Krankenhaus, einem Bahnhof und jeweils nur eine Stunde nach Wien oder Graz. Das ist ja nicht weit! Ich war auch einmal in Yale - da schaut es auch nicht anders aus als in Mürzzuschlag. Es ist verkehrstechnisch hervorragend angeschlossen, auch sind die Sportstätten und das Freizeitangebot Teil der Akkreditierung. Warum sollten wir nicht auch einen Campus haben? Wir müssen natürlich noch ein halbes Jahr warten, er reicht einmal die Anmeldungen ein ...  Es kann auch genauso sein, dass wir in einem Jahr sagen; „Es war eine gute Idee, aber es ist halt nicht zustande gekommen.“ Hr. Eapen hat auch unterstrichen, dass sein Projekt über viele Jahre aufgebaut werden soll und dass es um Gesundheit in Europa geht. Er möchte auch Pflegeheime, Beteiligungen,... Auch in Slowenien ist er aktiv.

„Wir wollen natürlich nicht europaweit das Altenheim sein, aber in Mürzzuschlag ...“

DMP: Wir werden die Entwicklung diesbezüglich verfolgen. Was gibt es im Jahr 2017 für Projekte?

Karl Rudischer: Wir wollen rund um den Bahnhof etwas machen - das Bahnhofsquartier. Die Volksschule gehört saniert - das Bildungsquartier. Da haben wir die Idee, ob wir den Kindergarten nicht mit der Volksschule zusammenführen. Das Bildungsquartier soll dann die Volksschule, den Hort, den Kindergarten und die Musikschule umfassen. Alles in einem Areal mit Freiflächen und einer größeren Einheit. Im Kindergarten könnte ein Handelsgeschäft unterkommen - vielleicht der Merkur, die im Zentrum eine neue Fläche suchen. Die ÖBB baut hinter dem Bahnhof einen Park & Ride Parkplatz mit 50 Stellplätzen. Eine große Diskussion war um die Hochwassersituation, wo es dauernd auch neue Studien gibt. Wir haben bereits das Budget beschlossen - meiner Meinung nach kein schlechtes. Mürzzuschlag hat sich in den letzten Jahren deutlich verbessert, wir haben unsere Schulden reduziert, also unser Investitionen, die wir getätigt haben, das zahlen wir zurück. Gleichzeitig haben wir die Rücklagen erhöht - also können wir nicht ganz falsch agiert haben. Das Kunsthaus ist immer ein bisschen ein Thema. Soll es Geld kriegen - oder nicht?

DMP: Was verbinden oder verbindet Sie mit Neuberg?

Karl Rudischer: Neuberg ist für mich der Gasthof Holzer und das Stift. Aber auch der Radweg, der uns verbindet. Und: Der Hr. Bürgermeister Tautscher macht im Winter die Loipe, dafür mähen wir im Sommer das Gras. Das Neuberger Tal ist ja ein Naturjuwel und auch der Naturpark. Auch gehe ich gerne in die Berge. Neuberg hat die Alterssituation aber noch einmal verschärft: Da sind wir die große Stadt. Viele ziehen auch nach Mürzzuschlag.


DMP: Auch viele Leute in der Pension? Beeinflusst das die Altersstruktur?

Karl Rudischer: Wir wollen natürlich nicht europaweit das Altenheim sein, aber in Mürzzuschlag kann man als älterer Mensch gut leben. Es ist überschaubar, man kennt einander ...


DMP: Herzlichen Dank für das Gespräch.