Der Mürzpanther

Der Bocksch(l)uss

Es ist bereits eine lange Tradition, die aus Kalorienmangel resultierte. Jedes Jahr vor Ostern, in der Fastenzeit. Verzicht macht erfinderisch und beflügelte die klösterlichen Braumeister. Ein hoher Gehalt an Alkohol bringt mehr Nährwert. Damals schon und heute auch noch.

Wir haben uns auf die Suche nach solch seltenen und wertvollen Produkten begeben und wurden zwischen Eisenerz, Leoben und Kaindorf fündig. Drei Starkbier/ Bockbierprodukte, wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Variantenreich in der Farbe, dem Geruch, dem Schaum und natürlich: Dem Geschmack. Ich habe auch die Braumeister - Alois Gratzer von BRAUEREI GRATZER, Ing. Andreas Werner von GÖSSER und Reini Schenkermaier von ERZBERGBRÄU - um die Beantwortung von sechs Fragen gebeten.

Begeben sie sich auf eine Reise durch ein Jahrhunderte altes Naturprodukt aus der Steiermark. Sechs Fragen, vier Biere und drei Tester. Ein kleiner Rat: Nehmen Sie um nach Hause zu kommen ein Taxi!

Frage 1:  „Welchen Stellenwert nimmt Bockbier vor Ostern ein? Ist es noch Fastenspeise?“


Alois Gratzer: Auf jeden Fall ist Bockbier auf Grund der kirchlichen Vergangenheit noch sehr stark in den Köpfen der Menschen verankert und wird als ein sogenanntes Fastenbier gesehen. Interessant ist es auch, dass die meisten Brauereien dies auch Nutzen und ihre Bockbiere zu Ostern besonders hervorheben. Produktseitig ist es auf Grund seiner Stärke verhältnismäßig nahrhaft. Wir selbst raten aber vor zu großem Konsum ab. Irgendwie läutet das "Osterbier" den Verkaufsstart von Bier ein: die Tage werden länger, die Sonne erfreut die Gemüter und im Freien genießt es sich einfach wieder besser.


Reini Schenkermaier: Aus meiner Sicht nein. Der normale Konsument lehnt es eher ab, weil es als „Bockbier“ als zu stark empfunden wird. Andere Biere, die genauso stark sind, aber nicht als Bock bezeichnet werden, werden anstandslos getrunken.


Andreas Werner: Bockbier zu Ostern ist in Österreich ein Festbier. Als Fastengetränk gilt es noch in Deutschland, bzw. galt es im Mittelalter besonders im klösterlichen Leben.

Das Foto rechts ist, wie die anderen Städteaufnahmen in Eisenerz entstanden. Es war sehr überraschend diese wunderbare alte Bausubstanz - aus dem 16./ 17. Jahrhundert in solch einer Fülle zu sehen: Unbedingt einen Besuch wert.

Vorher - Nachher

Fotos sind sehr beliebt. Auch ich will mich in diesem Fall ihrer bedienen: Voll - Leer.

Auch gut. Ich darf Ihnen die Probanden vorstellen:


Diana von Gratzerbräu

15,7° und 6,6%Vol


Osterhops Erzbergbräu 17° und 7,2% Vol.


Gösser Bock

16,2° und 7,1% Vol.


Ludwig von Gratzerbräu

16,7° und 7,2% Vol.


Wir haben sie in unterschiedlicher Reihen- folge und durcheinander probiert und ein Jeder hat sich seine geschmackliche Meinung gebildet. Davon aber später.


Die Etiketten unterscheiden sich grundsätzlich: konservativ, modern, natur- nahe und ungezähmt.  

Frage 2: „Kann man Bockbier grundsätzlich als traditionell (wichtiger Bestandteil der Produktpalette einer/ Ihrer Brauerei) bezeichnen?“


Andreas Werner: Bockbier ist jedenfalls ein traditioneller Bestandteil unserer Produktpalette, wobei heute nur mehr der helle Bock gebraut wird. Mengenmäßig ist Bockbier von untergeordneter Bedeutung.


Alois Gratzer: Das kann man sicherlich tun. Bei uns selbst gibt es diese Tradition das ganze Jahr in zwei unterschiedlichen Varianten; eine davon sogar als Vollmondbier. Bockbiere haben Körper, eine Fülle an Aromen, Wärme durch den  Alkohol und sind für Menschen, die gerne genießen und ihren Gaumen füllen möchten, besonders geeignet.


Reini Schenkermaier: Ja, ist sicher traditionell, zu Ostern wird es derzeit immer weniger, eher noch zu Weihnachten, der Maibock ist nahezu  verschwunden.

Frage 3: “Trinkt man Bockbier - wie Whisky - am besten unabhängig, oder als "Begleitung"- und zu welchen Gerichten?“

  

Reini Schenkermaier:  Jedes Bier sollte man nach Löschung des Durstes (wofür sich Starkbier ja eher nicht eignet) als Genussgetränk und Speisenbegleiter  sehen. / Zu welchen Gerichten? Lässt sich nicht so beantworten, weil es auf die Aromatik des jeweiligen Bieres ankommt, Bockbier ist es ja erst ab 16°P Stammwürze.


Andreas Werner: Bockbier kann und wird „unabhängig“ uns als Speisenbegleitung getrunken. Es empfehlen sich kräftige Fleisch- und Wildgerichte mit dunklen Soßen; dunkler Bock passt ausgezeichnet zu Blauschimmelkäse und Süßspeisen mit dunkler Schokolade.


Alois Gratzer: Bockbiere eignen sich ausgezeichnet zur Speisenbegleitung. Eine fixe Empfehlung, zu welchen Speisen Bockbier passt, lässt sich so nicht abgeben. Man könnte frech behaupten "zu allen Speisen". Um sagen zu  können, ob es passt oder nicht, ist auf mehrere Punkte ein Augenmerk zu legen. Beginnend mit: Was bezwecke ich mit der Bockbierbegleitung? Möchte ich die Speise im Vordergrund behalten oder benötige ich eine Art Neutralisierung, um nicht zu überfordern. Hat man diese grundlegende Frage beantwortet, muss man näher auf die Bausteine der Speise eingehen: Fleisch, Fisch, Nudeln, usw. Welche Soßen werden verwendet, welche Gewürze werden eingesetzt, gibt es Schärfe, Säure, Süsse, und vieles mehr. Man kann ein und das selbe Gericht von drei verschiedenen Köchen genießen und keines gleicht dem anderen. Ich empfehle am Besten es einfach selbst zu probieren, da Geschmäcker ja bekanntlich verschieden sind. Wichtig ist, wenn man die Speise am Gaumen hat und anschließend einen Schluck des Bockbieres genießt, soll der Gaumen einen Mehrwert erfahren. In Worten ist dies sehr schwer erklärbar. Eine Art Brausepulverexplosion, die einem immer in Erinnerung bleibt. Dann habe ich das richtige Gericht zu meinem Bockbier gefunden.

Nachdem wir diese Frage geklärt haben, kommen wir zu den von uns erhobenen Ergebnissen. Eines muss vorweg festgehalten werden: Wir hatten nie eine gleiche Meinung. Und das ist natürlich das interessante an unserer Beurteilung gewesen: Die Sicht des Konsumenten und wie unterschiedlich Gerüche und Der Geschmack aufgefasst werden.

Proband Nummer 1: Ludwig von der Brauerei Gratzer.


-Dann überrascht der pflaumig-schokoladige Aromat, bei wohlgerundetem Grundkörper, wo dem Biere zuletzt ein wenig zuviel abgeht von dem leichteren Bierigen, weil zu schokoladig, wie schon gesagt. Ein schöner und feiner Schaum bis zulezt.“


- „Zart und fein, differenziert der Geschmack, komponiert, gemalte Farbe. Keinesfalls scharf wie ein Adlerblick, erinnert im Geruch an Obst, entwickelt zart zu Großem…“


- „Golden, griffig. Ein Alltagsbräu, es könnte locker Apfel - gespritzt ersetzen….“




„Bei uns selbst gibt es diese Tradition das ganze Jahr in zwei unterschiedlichen Varianten; eine davon sogar als Vollmondbier.“

„ Das ewige Problem des Schaumes: Man trinkt zu langsam!“

Die Heimat des Erzbergbräu. Eisenerz mit seiner faszinierenden Altstadt. Dahinter der Pfaffenstein, der an das Abbild eines liegenden Menschen erinnert.

Proband Nummer 2: Osterhops von Erzbergbräu.


-Eindeutig Vorbild für die britischen Craftbiere - bezüglich der Zitrusnote - die Briten erreichen aber das Erzberg nie; perfekt als Abschluss des Tages.“


- „Moderne Biervariante mit leicht zitronigem Geschmack und stabilem, gefälligem Schaum und breiter Zunge!“


-“  Der Geruch schwenkt vom zunächst nicht so prägnanten zum zitronig-würzigen Hefearoma, feine Kohlensäure, mit immer intensiver werdendem Geruch mit der a) im Zimmer herrschenden Temperatur b) der Geduld des Verkostenden. Hält den Schaum gut, gefälliges Bier für gute Stunden.

„ Einfach nur viel Alkohol macht zwar lustig, soll aber nie das Ziel eines alkoholischen Produktes sein.“

Frage 4: „Wie hat sich der Geschmack aus Ihrer Sicht über die Zeit geändert? Sollen "junge" Etiketten und Namensgebung junge Leute ansprechen?“


Alois Gratzer: Der Geschmack entwickelt sich immer weiter, je mehr man sich damit auseinandersetzt umso feinfühliger und feinsensorischer wird man. Das ist auch für die Bockbiere heutzutage ganz wesentlich und wichtig. Einfach nur viel Alkohol macht zwar lustig, soll aber nie das Ziel eines alkoholischen Produktes sein. Für mich ist es nicht wichtig, ob es junge oder reife Menschen ansprechen soll. Geschmack, Harmonie und Rundheit sind die eigentlichen Schlagwörter. Genau das soll, oder besser gesagt, muss sich auf dem Etikett und auch bei der Namensgebung widerspiegeln. Nur so ist es mir möglich genau diesen Menschen anzusprechen, der auch gleich denkt und tickt wie ich bzw. das Bockbier.


Reini Schenkermaier: Die sogenannte Craftbierbewegung hat viele neue Biertypen und damit andere Aromen auf den Markt gebracht, diese sprechen sowohl Genießer als auch die eher jüngeren Konsumenten an, dazu gehören auch Etiketten, die nicht mehr so bieralltäglich sind.



Proband Nummer 3: Gösser Bock.


-Voll und ungefährlich und doch der Bock in der Osterbrandung. Individualität trägt einen anderen Namen, Gösser Bock: Freundschaft und Genuss.“


-Schaum prinzipiell nicht (worüber?) überragend,

jedoch im Sinne der Kohlensäure perlig in Ordnung,ein geschmacklich für Bock-Kenner trinkgewohnheitsgewohnter Bock ohne Überraschung. Dafür, dass es würzigere gibt, wird dieser Bock wohl nicht so schnell geschossen werden.

Für ein Ostern nach Tradition, quasi der alte, verlässliche Panther unter den verkosteten Böcken.“

„Modulierend wie Aretha Franklin in „Laughing on the outside“

Proband Nummer 4: Diana von Brauerei Gratzer.


- “ Nicht nur wegen des Namens mein Testsieger, besticht sie durch ihren dunklen

Teint und die für mich perfekte Balance zwischen röstigem Malz und fruchtiger Hefe.

Dazu die Starkbier-6,6% Vol., gerade richtig und nicht zu stark, ergibt ein "Sehr gut".


- „Für ein Dunkles recht zart malzig, ein angenehmes, unauffälliges… Der Schaum ist recht bald dahin.“


- „ Es glänzt divers: Die Optik traumhaft, mir etwas zu kurz.“





Frage 5: „Hat Bockbier durch die Welle des Craft Beer eine neue Bedeutung/ Stellenwert bekommen? Wenn ja, welche?“


Andreas Werner: Grundsätzlich hat sich der Biergeschmack Richtung schlank, weniger vollmundig und weniger Bitter entwickelt. Bevorzugt werden heute niedrigere Alkoholgehalte. Alles Trends die nicht wirklich dem Bockk helfen. Eine gewisse Gegenbewegung ist die rasch wachsende Craftbierszene. Diese Bier sind sehr oft von der Grädigkeit den Bockbieren zuzuordnen, in der Aromatik beschreiten sie jedoch häufig kreative, neue Wege. Belgien gilt weiterhin das Land für Starkbierspezialitäten.


Reini Schenkermaier: Als Bockbier eher nicht, aber wie schon oben beschrieben: viele andere Biertypen, die von der Stärke her dem Bockigen entsprechen.


Alois Gratzer: Craft Beer hat das Thema Bier als Ganzes sehr in den Mittelpunkt gestellt. Tolle, verrückte und ausgezeichnete Bier gab es schon früher, nur jetzt möchte der Kunde noch mehr von diesen Bieren. Wenn der Gaumen schon mal gefordert wird, dann richtig. Die Vielfalt und die geschmacklichen Unterschiede zwischen den Böcken sind größer und interesanter geworden.



Wir beenden unser Experiment, unser Projekt mit Dank an die drei Braumeister für die Beantwortung der Fragen und ganz besonders an Alois Gratzer für das Sponsoring der besprochenen Biere: Ludwig und Diana. Unser Ziel war es nicht zu werten, sondern durch Vielfalt Interesse hervorzurufen und vielleicht das Osterfest etwas „gschmackiger“ und fröhlicher zu machen.


Frage 6: „Bitte beschreiben Sie als Braumeister den Geschmack ihres eigenen BockBieres.“



Andreas Werner: Der Gösser Bock soll möglichst schlank und elegant sein, eine wahrnehmbare Süße ist unerwünscht. Aromen von Brot, Banane und Hopfen bestimmen den Geschmack am Gaumen. Dazu gehört eine ausgewogene und gut wahrnehmbare Bittere die einen relativ langen Abgang und Nachtrunk ergibt.


Reini Schenkermaier: Ich mag meine Biere ohnehin nicht selber beschreiben (um mögliches Selbstlob zu umschiffen), das überlasse ich lieber anderen.


Dem schließen wir uns gerne an und werden weiter verkosten.

Der Bocksch(l)uss

Das ist der Absch(l)uss, das Ende, der Heimweg. Macht es gut und besucht mich bald wieder, es geht weiter…