Der Physiologus

Der  Kunstpanther

Eines der interessantesten Forschungsprojekte im Mürztal wurde der Öffentlichkeit präsentiert: Die Darstellungen des Physiologus im Kreuzgang des Neuberger Stiftes. Unter dem Titel „Was mittelalterliche Tiere erzählen“ begeben wir uns auf eine Reise zurück in das 2. - 14. Jahrhundert. Die literarische Vorlage, die als Physiologus bekannt ist, hat in der Kunstgeschichte gerade in Neuberg zu einem einmaligen Zyklus der Tierdarstellung geführt. Hierbei handelt es sich sowohl um reale Lebewesen als auch um fiktive Kreaturen. Begleiten Sie die Germanistin Priv.-Doz. Dr. Andrea Hofmeister und die Kunsthistorikerin Dr. Elisabeth Brenner zu den steinernen Zeugen des Mittelalters. Erfahren Sie aus erster Hand die Hintergründe und die Bedeutung der Symbolik der Darstellungen. Der Bogen spannt sich bis zum steirischen Wappentier - dem „Panther“. Das folgende Interview ersetzt nicht die Lektüre des Textes, die ich wärmstens empfehlen kann - das würde den Rahmen sprengen! - erklärt ihn aber.

Beginnen möchte ich, indem ich abschließend nur anraten kann, diesen einmaligen Zyklus, dieses Juwel der Kulturgeschichte selbst zu besichtigen. Infos unter: neuberg.graz-seckau.at/neuberg oder E-Mail: neuberg@graz-seckau.at

Großes Interesse herrschte am Nachmittag des 28. Jänner im Festsaal der Gemeinde an der Präsentation im Stift Neuberg. Am Vortrag über die kunstgeschichtlich herausragenden Konsolen, die thematisch die Heilsgeschichte des Physiologus thematisieren.

DMP: Könnten Sie etwas die Entstehung des Werkes umreißen?

Dr. Andrea Hofmeister: Das ist ein Werk eines anonymen Schriftgelehrten aus dem 2. Jahrhundert nach Christus , der vermutlich aus Syrien stammt. Er hat nach einer Methode, wie man schon damals Bibelexegese (Anm: Wissenschaft der Erklärung und Auslegung eines Textes) betrieben hat, versucht Tiere, die in der Bibel erwähnt werden, auszudeuten. Sie stehen oft in kryptischen Zusammenhängen und man hat immer schon vermutet, dass die gesamte Schöpfung den Zweck hat, Gott zu verherrlichen und die Heilsgeschichte zu erklären, zu symbolisieren und auf Gott und die Zusammenhänge auf unsere Erlösung hinzuweisen . Der Physiologus - das heißt ja der Naturkundige - ist ein Hilfsname, da man den echten Namen nicht kennt. Unter diesem Titel ist dieses Werk das gesamte Mittelalter bis 1500 in Umlauf gewesen, in insgesamt 400 Überlieferungszeugnissen, in den verschiedensten Sprachen auch außerhalb Europas. Auch im Orient war das ein sehr verbreiteter Geschichtenzyklus. Er ist auch in`s Arabische übersetzt worden. Sehr oft sind sie im 11. / 12. Jahrhundert in`s Deutsche übertragen worden. Es gibt neben dem Millstätter Physiologus (in Folge: MP) aus einer Kärntner Handschrift auch einen Wiener Physiologus. Der Millstätter ist in Reimen verfasst, der Wiener in Prosa. Man kann davon ausgehen, dass diese Geschichten in ganz Europa verbreitet waren.

Etwas, das wichtig ist, wird größer gemacht als die Umgebung. Das nennt sich Bedeutungsperspektive. Auch wichtige Leute sind größer.“

Wie wir im Rahmen dieses Seminars herausgefunden haben, steht die Verbreitung dieses Werkes auch in Zusammenhang mit monastischen Reformbewegungen (Anm: klösterlichen Reformbewegungen). Es gibt eine althochdeutsche Fassung, die Älteste in deutscher Sprache, die Spuren aus dem allemannischen Raum aufweist. Das könnte in Zusammenhang mit dem Kloster Hiersau stehen (Anm: Benediktinerkloster im Schwarzwald).

Dr. Elisabeth Brenner: Millstatt war ein Hiersauer Kloster - mit den Mönchen und einem Hiersauer Abt. Der Kreuzgang in Hiersau hat alles, aber keinen Physiologus.


DMP: Auf welchen direkten Quellen basiert nun der „österreichische“ Physiologus?

Dr. Andrea Hofmeister: Der griechische Text ist in verschiedene andere Sprachen übersetzt worden, auch in die Lateinische, die den mittelalterlichen deutschen Ausgaben zugrunde liegen. Griechisch war nicht sehr bekannt in Europa, das ist erst im 12. Jahrhundert über die Araber zu uns gekommen. Vor allem in medizinischen und naturwissenschaftlichen Schriften. Der lateinische Text ist mehrfach übersetzt worden, daran sieht man auch die Problematik ganz gut, beispielsweise bei den Sirenen und Kentauren, die so im griechischen Text genannt sind. In der Bibel haben wir diese Wesen in der modernen Einheitsübersetzung nicht gefunden. Sie werden als Dämonen bezeichnet - und als Ungeheuer. Wir haben diese Stelle aus dem Jesaja in der Septuaginta (Anm: es ist die älteste Übersetzung der hebräisch - aramäischen Bibel, von 250 - 100v. Chr.) gelesen, wo diese zwei Bezeichnungen noch vorkommen. In der späteren lateinischen Fassung wurden sie bereits geändert.






Zu den Bildern:

Oben sehen Sie den Kreuzgang mit den vier himmlischen Darstellungen, siehe im Text weiter unten.

Rechts: Die Sirenen, die Darstellung halb Mensch, halb Fisch. Die zweite Darstellung der Sirenen - halb Vogelkörper befindet sich auf der anderen Seite des Aufgangs zum Dormitorium.

DMP: Unterscheiden sich diese Übersetzungen nur sprachlich, oder auch inhaltlich?

Dr. Andrea Hofmeister: In diesem konkreten Fall handelt es sich immer um böse Wesen, um Ungeheuer. Gerade bei diesen Fabelwesen ist das Problem, dass sie niemals jemand zu Gesicht bekommen hat; man hat sie zwar für real gehalten, es gibt aber nur Schriftliches darüber. Beim Übersetzen versucht man, wenn man es nicht so genau versteht, durch etwas Ähnliches oder durch das, was man glaubt verstanden zu haben, wiederzugeben und dadurch geht es wie bei der stillen Post: Am Ende kommt ganz etwas anderes heraus.

DMP: Macht man das, um es leichter verständlich zu machen - greifbarer?

Dr. Andrea Hofmeister: Wenn man versucht es mit autochtonen Tieren in Verbindung zu bringen, weil man es sich besser vorstellen kann - ein Tier mit schrecklichen Krallen - nimmt man in unserer Gegend den Adler. Der Löwe in der Darstellung sieht ja ganz lustig aus, einen Löwen hat ja niemand gesehen.

Dr. Elisabeth Brenner: Man kannte sie aus Beschreibungen und auch über die Eigenschaften. Das hat man bildlich umgesetzt. Die Baugeschichte zeigt, dass immer zuerst die Kirche und die Klausur kommt und erst später der Schmuck. Dieser hat natürlich auch eine Funktion.


Dr. Andrea Hofmeister: Beim Löwen, der ein männliches Tier ist, muß man die Geschichte im Hintergrund kennen, um die Plastiken richtig auslesen zu können. Sie haben eine sehr ausgefeilte Symbolsprache, aber man muß die Vokabel kennen. Das ist für heute nicht mehr ganz selbstverständlich.

Dr. Elisabeth Brenner: Tierbeschreibungen gehen bis auf Aristoteles (Anm: 384 - 322 v. Chr.) zurück. Auch hat Plinius (Anm: Gaius Plinius Secundus Major, Verfasser der Historia naturalis, 24 - 79 n. Chr.) schon beschrieben, dass der Löwe mit seiner Schwanzquaste die Spuren verwischt.


Dr. Andrea Hofmeister: Und weil die Quaste für die Erzählung wichtig ist wird sie überdimensional dargestellt.

Dr. Elisabeth Brenner: Das ist eine mittelalterliche Darstellungstradition. Etwas, das wichtig ist, wird größer gemacht als die Umgebung. Das nennt sich Bedeutungsperspektive. Auch „wichtige“ Leute sind größer. Worauf man die Aufmerksamkeit lenken will wird größer dargestellt - auch als es natürlich ist. Damit es auffällt. Das ist natürlich auch in der Malerei so. Von Bellini gibt es das Gemälde Jesu am Ölberg. Die Jünger schlafen und sind relativ klein, Jesus aber ist sehr groß dargestellt. Auf mittelalterlichen Bildern erkennen Sie an der Größe, was Bedeutung hat. Erst in der Renaissance löst man sich von dieser Art der Darstellung, weil man beginnt, die natürlichen Körperproportionen zu betonen. Auch die Landschaft wird topografisch gesehen.

Mit Sicherheit ist es das meist abgebildete Tier des Zyklus: Der König der Tiere, der Löwe. Diese Aufnahme entstammt der Betrachtung nach dem Vortrag, es war schon dunkel. Mithilfe von Taschenlampen konnte man solch spektakuläre Effekte betrachten.

„Eine andere Legende berichtet: Sie hat ein weißes Hündchen mit rotem Rücken zur Welt gebracht, das irrsinnig gebellt hat .“

Dr. Andrea Hofmeister: Es gibt illustrierte Gesetzesbücher, den Sachsenspiegel (Anm: Das älteste Rechtsbuch des Mittelalters, entstanden 1220 - 1235), wo die Paragrafen in Bildern dargestellt sind, mit überdimensional großen Händen, auch mit einer speziellen Fingerhaltung. So beim Leisten eines Schwures. Dabei ist die Schwurhand riesig dargestellt,weil es genau darauf ankommt. Wenn er die Finger anders hält, ist es möglicherweise ein Meineid. Das Muster beim Physiologus läuft folgendermaßen: Einerseits hat der Schriftgelehrte aus Syrien in der Bibel Stellen gefunden, wo Tiere erwähnt werden und den Kontext beachtet, wie diese mit Christus in Verbindung gebracht werden können. Oder es sind andererseits dämonische Wesen, die die Menschen oder auch das ewige Heil bedrohen. Symbolisieren sie vielleicht Sünden? Diese Überlegungen hat er in Verbindung zum naturwissenschaftlichen Wissen gesetzt.

In den vorher genannten Werken des Aristoteles und Plinius ist beispielsweise der Löwe genau erklärt, heute ist das nicht mehr ganz stichhältig. Von der Antike bis zum Mittelalter war es aber üblich, Wissen aus zweiter Hand zu übernehmen. Wenn einmal etwas beschrieben war und als beglaubigt galt, hat man selber nicht mehr nachgeforscht. Man ging nicht auf Safari, um den Löwen zu sehen. Man hat die Überlieferungen weiter tradiert, auch mit der Gefahr, etwas falsch verstanden zu haben. Der Physiologus hat sich beim Löwen die Eigenschaften herausgenommen, die er für seine Darstellung brauchen konnte, hat diese mit den Löwendarstellungen im Alten Testament  verbunden und daraus Schlüsse gezogen. Er hat es dann ausformuliert, dass daraus jeweils eine Lehre entstanden ist. Beim Löwen ist das ein markantes Beispiel - er besitzt drei Eigenschaften: Wenn die Löwenjungen geboren werden, sind sie regungslos. Das kennt man von kleinen Katzerln, die sich kaum bewegen und blind sind. Deswegen hat man zunächst angenommen, sie wären tot. Am dritten Tag kommt dann der Vater, neigt sich über die Jungen, haucht sie an und erweckt sie so zum Leben. Christus wird am dritten Tag auferweckt von den Toten. Das ist ein schöner Beweis für die Löwendarstellung als Symbol für die Heilsgeschichte. Das können sich die Menschen auch besser vorstellen. Das Geschehen in der Bibel ist abstrakt, anhand der Tierwelt kann man das ablesen.

DMP: War das die Intention des Verfassers, es greifbar zu machen? Selbst für uns ist natürlich manch biblische Szenerie schwer zu begreifen.

Dr. Andrea Hofmeister: Dahinter steckt natürlich die Grundidee, dass alles, was in der Schöpfung existiert, einen Sinn hat. Die Aufgabe der Schöpfung ist auf Gott hinzuweisen, ihn zu verherrlichen. Dann gibt es noch die Ansicht, dass die geschriebene heilige Schrift nur den Gebildeten, den „literati“ zugänglich war, die lesen, schreiben und Latein konnten. Der überwiegende Teil der Bevölkerung hat das aber nicht beherrscht. Deswegen waren sie auf solche Zeichen in der Natur angewiesen. Praktisch war die Natur ein Buch, in dem die Laien lesen konnten. Natürlich waren die Geschichten sehr kompliziert ausgelegt, dass die Laien nicht in der Lage waren, sie zu verstehen. Wenn sie einen Käfer sehen, ziehen sie keine Schlüsse auf die Heilsgeschichte. Das war das Monopol der Geistlichkeit, deren Aufgabe es war, die Laien im Glauben zu unterrichten und ihnen solche Dinge zu erklären und verständlich zu machen, dass sie Merkfunktion erlangen.

Dr. Elisabeth Brenner: Natürlich mnemotechnisch, aber auch pädagogisch - didaktisch. Damit Heilsgeschichte transportiert werden kann. Über Tiere und nicht über komplizierte, theologische Sätze, sondern ein Tier kennt man und versteht man auch als Laie.

Oben sehen Sie zwei der zentralen Themen der Verkörperung Christi: links den Pelikan, rechts den Phönix. Sowohl der Pelikan ist Symbol für die Auferstehung Christi am dritten Tag, als auch der Phönix. Der Phönix schließt den Millstätter Physiologus ab und ist als glanzvoller Abschluß und Gegenstück zu dem Beginn mit dem Löwen würdig.

„Und bevor sie in den Schlafsaal hinaufgehen, werden sie gewarnt.“


DMP: Hat das auch immer den Beigeschmack des „Lenkbaren“?

Dr. Andrea Hofmeister: Ja. Es war aber die Bibel für die mittelalterlichen Gelehrten sowieso eine riesen Herausforderung. Wenn man das AT aufschlägt, so ist es voll von Rätseln. Man hat es auch in den Klöstern als Aufgabe gesehen, nicht nur zu kopieren, sondern man hat kommentiert, kommentiert, kommentiert. Man hat eifrigst Bibelanalyse und Bibelexegese betrieben und diese Ergebnisse wiederum aufgeschrieben. Auf diese Weise ist die Bibel im Lauf der Zeit riesig angewachsen. Weiters gibt es über verschiedene Stellen in der Bibel Streitigkeiten, in der Gefahr abtrünnig vom wahren Glauben zu werden. Thema: Die Herätiker.

Dr. Elisabeth Brenner: Mit diesen Darstellungen im Kreuzgang geht auch eine Warnung einher, vor diesen Herätikern. Wenn man sich die Kirchen- und Religionsgeschichte anschaut wird es verständlich: Neuberg ist ein Zisterzienserkloster und die Zisterzienser hängen sehr stark an Bernhard von Clairvaux (Anm: mittelalterlicher Abt, 1090 - 1153). Er ist nicht der Gründer, aber er wird als Gründervater bezeichnet. Er hat dem Orden das asketische Gesicht gegeben. Er war mit Sicherheit einer der wichtigsten Zisterzienser. Um ihn ranken sich unzählige Legenden, auch weil ein riesen Schrifttum erhalten ist, unter anderem eine Schrift gegen die Albigenser (Anm: religiös-sozial, auch politisch motivierte Protestbewegung ausgehend aus dem Südwesten Frankreichs) - er hat sich eben auch mit diesen Abtrünnigen auseinandergesetzt. Es war immer die große Angst der „Rechtgläubigen“, dass die Leute davon verführt werden könnten. Das kommt zu tragen.



DMP: Kann man grundsätzlich etwas über die Auswahl der Darstellungen in Neuberg sagen? Ist da eine Linie zu sehen?

Dr. Elisabeth Brenner: Bei mehreren Bildern im Mittelalter müssen Sie das immer zyklisch interpretieren. Es gibt ein Programm, das sich auch in Neuberg ablesen läßt. Wenn man sich die Funktion des Kreuzganges und der Klausurräume überlegt, erkennt man Folgendes: Zwischen Kirche und Eingang in den Kapitelsaal (Anm: Versammlungsstätte einer klösterlichen Gemeinschaft) sind die vier himmlischen, Christus verkörpernden Darstellungen. Dann folgen vom Kapitelsaal wegführend jene, die auf den Menschen bezogen sind. Dazwischen liegt die Dormitoriumstreppe (Anm: Dormitorium, Schlafsaal). Diese ist flankiert von den Sirenen, die vor der Versuchung warnen. Einerseits durch Irrlehre und andererseits durch sexuelle Verlockungen. Vor diesen hatte man unheimliche Angst. Es gibt das zisterziensische Gebräuchebuch, die Ecclesiastica Officia, wo alles festgehalten ist, wo und neben wem der Mönch im Dormitorium zu liegen hat. Und bevor sie in den Schlafsaal hinaufgehen, werden sie gewarnt.

Die zweite Darstellung der Sirenen als Sinnbild der Verführung ist oben zu sehen. Darunter links: Der Kampf der Kentauren als Beispiel für den inneren Kampf gegen das Böse, rechts der Tierfried, äußerst sehenswert.

Auch die Kreuzhofseite hat ihr Programm: Es beginnt mit den vier Evangelisten, die den Heilsweg vorgeben. Dann kommt der Kentaurenkampf. Die Kentauren kämpfen gegen die Lapithen (Anm: Ein sagenhaftes Volk im antiken Griechenland). Die Lapithen sind die Edelmenschen, die Guten. Der Kampf geht zugunsten der Edlen aus, unter Mithilfe von Theseus. Die Interpretation ist der Kampf Gut gegen Böse im Menschen. Der Mensch kämpft immer mit sich selbst, um nicht einer Versuchung zu erliegen, eine Sünde zu begehen. Das ist die Psychomachie (Anm: Seelenkampf) im Menschen. Der Kentaurenkampf geht für das Gute aus, womit wir zum nächsten Kapitell kommen: Der Tierfriede, der bei Jesaja beschrieben wird.

Dr. Andrea Hofmeister: Im Physiologus gibt es keine Vorlage dafür.

Dr. Elisabeth Brenner: Das ist ein Bild für das messianische Friedensreich.


Jes 11, 6-8: Die Wölfe werden bei den Lämmern wohnen und der Pardel bei den Böcken liegen. Ein kleiner Knabe wird Kälber und junge Löwen und Mastvieh miteinander treiben. Kühe und Bären werden an der Weide gehen, daß ihre Jungen beieinander liegen; und Löwen werden Stroh essen wie die Ochsen. Und ein Säugling wird seine Lust haben am Loch der Otter und ein Entwöhnter wird seine Hand stecken in die Höhle des Basilisken.

Jes 65,25: Wolf und Lamm sollen weiden zugleich, der Löwe wird Stroh essen wie ein Rind, und die Schlange soll Erde essen. Sie werden nicht schaden noch verderben auf meinem ganzen heiligen Berge, spricht der Herr.


Es ist darauf ausgerichtet, was im Himmelreich kommt. Raubtiere mit Fluchttieren zusammen und ganz rechts sieht man einen flüchtenden Drachen, dessen Kopf aufgrund der Restaurierung so aussieht. Dem traue ich nicht. Beim Hals sieht man einen Schnitt und auch weiter oben. Das ist fraglich, ob das original ist.

Dr. Andrea Hofmeister: Im unteren Teil sieht man den besiegten Drachen, das Böse ist bereits eingesperrt und sicher verwahrt.

Dr. Elisabeth Brenner: Das Böse hat im Friedensreich nichts zu suchen, wir haben den Löwen und das Lamm, den Bären und die Kuh, die sich vertragen. In der Bibel steht allerdings auch noch etwas von Kindern, die in die Höhlen der Schlangen greifen und dass trotzdem nichts passiert.

Es ist heute ein Privileg, den Kreuzgang zu besichtigen, im Mittelalter waren diese Bereiche sogar den Laienmönchen verschlossen.“

DMP: Weiß man wer der Schöpfer dieser Kapitelle ist?

Dr. Elisabeth Brenner: Das war die zweite Domwerkstatt von St. Stephan. St. Stephan hat auch in Straßengel gearbeitet, wo man ganz ähnliche Bilder findet. In Straßengel ist es belegt. Belegt ist auch, dass die vier ersten Kapitelle die himmlischen Zeichen tragen: Der Löwe, der Pelikan, der Phönix und das Einhorn. Diese kommen in Buchmalereien und auch in Bildtafeln zusammen vor. Diese vier sind sozusagen „der Klassiker“ des Mittelalters. Wenn man die Heilsgeschichte beschreiben, oder auf die Hailsgeschichte hinweisen möchte, bedient man sich dieser vier.


DMP: Und der Panther?

Dr. Andrea Hofmeister: Der Panther ist in Neuberg nicht dargestellt. Natürlich hätte er auch einen Bezug zu Christus.

Dr. Elisabeth Brenner: Das ist auch die Problematik in der Steiermark, es sei dahin gestellt, ob das Traungauer Wappen (Anm: Erstmals erscheint der Panther im Siegel des Traungauer Markgrafen Ottokar III., um 1160) der Panther aus dem Physiologus ist. Der Kulturanthropologe Günther Jontes hat in einem seiner Bücher beschrieben, dass die Traungauer und andere Herrschergeschlechter eher „Mischwesen“ als Wappentiere herangezogen haben. Der steirische Panther ist kein Panther, kein Löwe, er ist auch kein Greif, er hat von allen diesen Tieren etwas an sich. Der Panther selbst ist ein Christusymbol, dem die anderen Tiere dann nachfolgen.

Noch ein Wort zum Zyklus: Es gibt Gründe, warum die vier himmlischen zwischen Kirche und Kapitelsaal sind: Hier finden die Messe und die Gebete statt. Die Kapitelle vom Kapitelsaal in die Südecke orientieren sich an den körperlichen Aktivitäten. Der Wärmeraum, die Küche, der Speisesaal. Im Kreuzhof gibt es noch das Brunnenhaus, hier geht es nicht um`s Geistliche, sondern um`s Menschliche. Deswegen haben wir zwischen Kapitelsaal und Südflügel die Darstellungen, die sich auf das Menschliche beziehen. Das muss bei der mittelalterlichen Kunst immer miteinbezogen werden. Da ist nichts zufällig.

Dr.Andrea Hofmeister: Man darf aber nicht aus den Augen verlieren, für wen diese Darstellungen gedacht waren. Es ist heute ein Privileg, den Kreuzgang zu besichtigen, im Mittelalter waren diese Bereiche sogar den Laienmönchen verschlossen.

Dr. Elisabeth Brenner: Die Klausur war nur für die Mönche. In der Klausur gab es auch zwei Bereiche, einen für die Priestermönche und einen für die Laienmönche. Letztere hatten keinen Zutritt. Es war auch die Kirche zweigeteilt. In Zisterzienserkirchen gab es immer einen Lettner (Anm: Ein Lettner ist eine bauliche Abtrennung zwischen den Bereichen der Priestermönche von den Laienmönchen, den Konversen). Auch die Dormitorien waren geteilt, im Ostflügel waren die Priestermönche, im Westflügel die Laienmönche. Ebenso die Refektorien und die Speisesäle. Der einzige Treffpunkt war die Kirche. In all diese Bereiche durften nur die Mönche hinein, keinesfalls Leute von aussen. Der Kreuzgang selbst war Aufenthaltsraum zum Lesen, Meditieren und Warten. Natürlich auch um über die Darstellungen nachzudenken. Diese waren eine Art Andachtsbilder, die zur Kontemplation angeregt haben. Es waren ja auch die Kirchen damals nicht Ecclesia, sondern Oratorien, Gebetsräume, die nur für die Mönche zugänglich waren. Die Messen wurden im Kapitelsaal gelesen.

Otto der Fröhliche wollte dadurch sicherstellen, dass für sein Seelenheil gebetet wird.“

DMP: Wie lange gibt es Übersetzungen des Werkes, gibt es auch moderne Fassungen?

Dr. Andrea Hofmeister: Literarisch endet eigentlich die Tradition um 1500. Der Physiologus hat aber schon sehr früh die „Bestiarien“ beeinflusst, Enzyklopädien über die gesamte Tierwelt. Da sind oft die Auslegung dieser Eigenschaften miteingeflossen. Das reicht bis in die Neuzeit hinein. Jene vierbändige Enzyklopädie des Gelehrten Konrad Gessner (Anm: Schweizer Arzt und Naturforscher) im 16. Jahrhundert. (Anm: Die Werktitel lauten: Quadrupedes vivipares 1551. Quadrupedes ovipares 1554. Avium natura 1555. Piscium & aquatilium animantium natura 1558. Es folgten noch ein Buch über Schlangen und Insekten!). Da kommt das Einhorn noch vor - es ist beschrieben. Allerdings beschreibt er kritisch, dass beispielsweise der Vogel Strauß Eisen frisst. Eben dieser soll auch seine Eier mit seinem scharfen Blick ausbrüten. Gessner überprüfte diese Behauptungen und konnte sie nicht bestätigen. Es waren nur Steinchen im Magen, um die Nahrung zu zerkleinern. Das Einhorn jedoch kommt als Faktum vor.

Dr. Elisabeth Brenner: Im 17. Jahrhundert gab es einen Beschluss  der Universität Dillingen, die besagt, dass Studierende, um Sachverhalte zu erklären, das Einhorn verwenden dürfen, aber sie dürfen nicht behaupten, dass es das Einhorn gibt. Das ist ein Brückenschlag zwischen Fabeltier und der realen Tierwelt. Es gibt auch in der Moderne Physiologusdarstellungen - ein kompletter Zyklus ist mir allerdings nicht bekannt. In Stift Rein gibt es ein Pluviale, einen Vespermantel, der trägt den Pelikan im Rückenschild. Die Dornenkrone ist das Nest und der Pelikan ist das Eucharistiesymbol. Dieses Pluviale wird bei der Anbetung, bzw. zu Frohnleichnamsprozessionen getragen. Der Pelikanhymnus des Thomas von Aquin ist der Frohnleichnamshymnus. (Anm: In der sechsten Strophe heißt es: „Gleich dem Pelikane starbst Du, Jesu mein. Wasch in Deinem Blute mich von Sünden rein. Schon ein kleiner Tropfen sühnet alle Schuld, bringt der ganzen Erde Gottes Heil und Huld“.). Dieses Pluviale ist um 1900 in der Kunstgewerbeschule in Graz nach mittelalterlichen Vorlagen gestickt worden. Und es hat auch diese Messingbeschläge vorne.

Dr. Andrea Hofmeister: In Neuberg gibt es vierzehn Darstellungen, darunter sind die vier Evangelisten und zwei Darstellungen, die nicht im Physiologus vorkommen. Wobei den vier Evangelisten sind die vier Christussymbole gegenübergestellt. Vierer-Gruppen sind sehr häufig: 4 Jahreszeiten, 4 Temperamente, 4 Himmelsrichtungen, die 4 Winde, ...

Dr. Elisabeth Brenner: Natürlich ist auch zwölf eine wichtige Zahl. Die 12 Apostel. Auch der Zisterzienser - Gründungsmodus ist ein Abt und 12 Mönche.


Die zwei Evangelisten Markus und Johannes. Dargestellt im Löwen als Stärke und Allmächtigkeit und im Adler als Himmelfahrt Christi. Im Bild rechts über dem Adler: Der Reiher. Heimisch im Mürztal, so wie auch der Adler! Über seine positiven Eigenschaften berichtet der griechische Physiologus: „Dieser Vogel ist höchst verständig, mehr als viele andere Vögel.“

Dr. Andrea Hofmeister: Allerdings war für Neuberg sichergestellt, dass immer mindestens 30 Mönche da sind. Das hat noch Otto der Fröhliche verfügt. Sonst bekämen sie die laufenden Zuwendungen nicht, die sie dringend gebraucht haben, um das Münster fertigzustellen. Natürlich haben sie dann darauf geachtet, dass Dreissig immer zugegen waren. Dazu kamen doppelt so viele Laienbrüder. Oft war das Verhältnis auch 1:3. Es waren ja Wälder zu bewirtschaften ... Otto der Fröhliche wollte dadurch sicherstellen, dass für sein Seelenheil gebetet wird.

Dr. Elisabeth Brenner: Das war überhaupt einer der wichtigsten Gründe im Mittelalter für den Bau von Klöstern und Kirchengründungen. „Für sein Seelenheil und das Seelenheil der Seinen“. Es wurden Mönche ausgesucht um Land urbar zu machen, damit Menschen eine Lebensgrundlage finden und Steuern zahlen können. Diese Gründe stehen natürlich nicht in den Gründungsurkunden. Die Zisterzienser haben in ihrer Ordensregel: Bau fernab von menschlichen Ansiedelungen. Aus der Benediktsregel haben sie das „ora et labora“ übernommen und ein Abt der sehr frühen Zeit, Steven Harding (Anm: Abt von Citeaux, 12. Jahrhundert), hat verfügt, Land urbar zu machen. Das haben die Zisterzienser in ihren Gebräuchen, andere Orden aber nicht.


Dr. Andrea Hofmeister: Sie haben damit auch vielen anderen Menschen Arbeit gebracht, den Laienbrüdern.

Dr. Elisabeth Brenner: Das war die Lösung eines sozialen Problems im 12. Jahrhundert. Viele waren beschäftigungslos, da immer der Älteste den Hof geerbt hat. Die anderen Söhne hatten keine Lebensgrundlage. Aber sie konnten dem Orden beitreten und die Gelübde ablegen. Sie hatten dann 13 Stunden Arbeit, 2 Stunden Gebet, ein Dach über dem Kopf und Verpflegung und im Fall von Krankheit wurden sie gepflegt. Das hat für einen sehr großen Zustrom gesorgt. Deswegen haben sich die Zisterzienserklöster so stark ausgebreitret, weil sie auch von den Landesherren geholt wurden. Man musste sowieso für das eigene Seelenheil ein Kloster gründen. Die Zisterzienser waren durch die Gelübde diszipliniert und konnten sehr vieles, weil sie aus den unterschiedlichste Bereichen kamen. Dadurch konnte sich der Orden in kurzer Zeit auf über 300 Klöster ausbreiten. Bei Neuberg ist es der Dank von Otto dem Fröhlichen für die Geburt seiner zwei Söhne, nachdem die Ehe lange kinderlos geblieben ist.

Das war die Lösung eines sozialen Problems im 12. Jahrhundert. Viele waren beschäftigungslos, da immer der Älteste den Hof geerbt hat.“

DMP: Wie sieht die künstlerische Ausarbeitung des Physiologus aus?

Dr. Andrea Hofmeister: Sie waren nicht sehr ausgeschmückt, der Millstätter Physiologus mit Federzeichnungen in roter Tinte. Besonders viel Mühe hat sich jemand bei den etwas holprigen Versen des MP gemacht, es in eine „feierliche“ Form zu bringen. Es stand nicht im Vordergrund dieses Dichters, dass sich die Verse reimen. Es sind aber schon assonierende Reime. Manchmal unterscheidet sich der Vokal. An diesen Versen kann man hören, dass es sich um einen mündlichen, einen feierlichen Vortrag handelt. Die Texte wurden in einer Gruppe gelesen, vorgetragen. Die überzähligen Silben werden für den Rhythmus elegant „hineinverschleift“, sodass man erkennt, dass die Verse zusammengehören. Auch war es ein Privileg, solche Texte abschreiben zu dürfen, Pergament war sehr teuer. Man darf annehmen, dass auch der MP öfters abgeschrieben wurde, aber das Meiste ist verlorengegangen.

DMP: Kann man etwas über die Verbreitung sagen?

Dr. Andrea Hofmeister: es ist sicher anzunehmen, dass solche Werke innerhalb des eigenen Ordens weitergegeben wurde, auch wenn die einzelnen Klöster sehr weit auseinanderliegen. Oft ist auch die Verbindung der Bibliothek des Mutterklosters zu den Tochterklöstern gegeben. Aber auch zwischen den Orden gab es einen Austausch. Im Mittelalter gab es Projekte, durch die eine Verbreitung stattfand, beispielsweise die wunderbare Dichtung des Kartäusers Bruder Philipp (Anm: Philipp von Seitz, 14. Jahrhundert, Verfasser eines Marienleben). Er hat eine Marienbiografie in deutscher Sprache gedichtet und dieses Werk hat er dem deutschen Orden gewidmet. Dieser hat befunden, dass das Werk weit verbreitet werden müsse und hat auch mit einer “Werbemaschinerie“ dafür gesorgt. Es gibt noch heute hundert Handschriften davon, auch deswegen weil dieses Werk in die Weltchroniken Eingang gefunden hat. Mit der Entwicklung der Städte hat sich im späten Mittelalter auch die Schreibfähigkeit ausgeweitet, wodurch dieses Schriftstück für Viele lesbar wurde.


Herzlichen Dank für das Gespräch!

DMP: Wie haben diese Inhalte Ausdruck gefunden in der Darstellung des Physiologus im Kreuzgang?

Dr. Elisabeth Brenner: Nehmen wir beispielhaft die Sirenen. Diese sind einerseits Warnung vor den ketzerischen und abtrünnigen Meinungen, andererseits vor sexuellen Verlockungen. Dann gibt es noch ein Kapitell - das ist der Hund und der Frosch. Diese sind zusammen nicht im Physiologus. Schauen wir auf die Zisterzienser: Der Hund ist das Attribut von Bernhard von Clairvaux. Als die Mutter von Bernhard, Aleth schwanger war, hat sie einen Traum gehabt: Ein weißes Hündchen mit rotem Rücken bellt ganz wild. Eine andere Legende berichtet: Sie hat ein weißes Hündchen mit rotem Rücken, das irrsinnig gebellt hat zur Welt gebracht. Bernhard war ein großer Prediger, ein charismatischer Mensch und er hat gegen die Herätiker gepredigt. Der Frosch steht für die Herätiker. Im Kapitell des Kreuzganges beisst der Hund den Frosch.

Dr. Andrea Hofmeister: Ursprünglich hat der Physiologus 48 Geschichten. Das ist dann von Fall zu Fall je nach Bedürfnis reduziert worden. Man hat ausgewählt: Der althochdeutsche hat nur 12 Tiere, der  Millstätter 27. Uns ist aufgefallen, dass die Auswahl im Kreuzgang in Neuberg auffallend viele Darstellungen von Herätikern hat. Das könnte man als Schwerpunkt sehen.

Dr. Elisabeth Brenner: Das zeigt die Darstellung des Vogel Strauß: Man soll auf Christus schauen und nicht auf die Anderen. Er schaut zum Himmel, legt die Eier in den Sand und die Sonne brütet diese aus. Wenn die Jungen dann schlüpfen, dann schaut er zum Himmel, zu Gott.


DMP: War der Inhalt des Physiologus rein auf Glaubensfragen oder auch auf den Alltag umzulegen?

Dr. Andrea Hofmeister: Im Hinblick auf den Glauben. Eine Mutter soll nicht ihre Kinder vernachlässigen.

Dr. Elisabeth Brenner: Im Physiologus steht, dass man auf Gott schauen soll.

Die Äffin


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Diu affine hat des tievils bilede.

si hat houbet unde zageles niht, vorne si scamlichen siht

si ist hinden vil wirs getan: do der tievel het engiliscen nam,

in den choren himeliscen, do het er houbet gewisse.

wande er ein trugenaere unde unchustich was, ...

daz houbet er do verlos, des zageles ward er ouch belost.


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Also er von himmile verstozzen wart her nidere,

so wirt er noch verdamnot mit allen den, die im volgont.

also Sanctus Paulus sprichet: „got sich an im richet,

er slehet in durh wundir mit dem geiste sines mundis.“

Text aus: „Der Millstätter Physiologus“. Christian Schröder. Text, Übersetzung, Kommentar. Würzburger Beiträge zur deutschen Philologie, Band XXIV. 2005. Herausgeber: Horst Brunner. Verlag: Königshausen und Neumann, Würzburg

Die Äffin


Die Äffin hat das Äußere des Teufels. Sie hat einen Kopf, aber keinen Schwanz; vorne sieht sie schändlich aus, ist aber hinten noch viel schlimmer gestaltet. Als der Teufel den Namen eines Engels trug, in den himmlischen Chören, da hatte  erganz gewiß einen Kopf. Da er ein Lügner und hinterlistig wurde, da verlor er den Kopf, auch des Schwanzes wurde er beraubt.


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Wie er vom Himmel herab verstoßen wurde, so wird er noch mit allen, die ihm folgen, verurteilt. So sagt Sanctus Paulus: „Gott rächt sich an ihm. Er tötet ihn auf wunderbare Weise mit dem Hauch seines Mundes.“

Nachstehend ein Textausschnitt aus dem MP, die Äffin. Sie müssen den Text ganz unbeschwert lesen, dann werden Sie auch die Rhythmik und die Reimform plastisch in der Sprache erleben; also an`s Werk! Links der frühmittelhochdeutsche Text, rechts die Übersetzung.