der muerzpanther
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DER ZUG IST ES, DER UNS IM HERBST UNSERE SÄNGER NIMMT … Auf   das   Zugverhalten   der   Vögel   nimmt   der   Klimawandel   dahingehend   Einfluss,   dass   sich   die Frühlingswanderung   aus   Afrika   immer   weiter   nach   vorne   verschiebt.   Eine   Studie   unter   der Leitung   der   Vetmeduni   Wien,   dem   Konrad-Lorenz-Institut   für   Vergleichende   Verhaltens- forschung,   hat   dabei   festgestellt,   dass   diese   Änderung   jedoch   keinem   einheitlichen   Muster entspricht.    Im    Gegenteil,    bei    näherer    Betrachtung    ergibt    sich    ein    vielschichtiges    Bild: Wesentlich für den Start der Wanderung ist die Region des Überwinterns. Von   den   europäischen   Vögeln   ziehen   mehr   als   die   Hälfte   vornehmlich   in   den   Süden.   Einige ziehen   paarweise,   andere   in   Gesellschaft.   Die   ersten   Winterherbergen   werden   schon   in Südeuropa   erreicht,   andere Arten   bleiben   in   Nordafrika,   wenige   ziehen   jedoch   bis   weit   über den Äquator hinaus. Bevor   die   Vögel   den   Zug   gegen   Süden   beginnen,   sammeln   sie   sich   oft   für   einige   Tage   an einer   Stelle.   Wenn   der   Schwarm   zu   einer   gewissen   Größe   angewachsen   ist,   brechen   sie   auf und   fliegen   gemeinsam   davon.   Die   Gruppe   bleibt   auf   der   Reise   und   auch   im   Winterquartier oft   vereint.   Viele   Vögel   wie   Raubvögel   oder   Finken   ziehen   am   Tag,   unsere   Sänger   in   der Nacht, Schwalben, Störche oder Kraniche sowohl am Tag als auch in der Nacht. Wie   aber   passen   Vögel   ihre   Zugzeit   an?   Um   diese   Frage   zu   beantworten,   untersuchte   eine Forschungsgruppe    um    Ivan    Maggini    und    Leonida    Fusani    vom    Konrad-Lorenz-Institut    für Vergleichende   Verhaltensforschung   an   der   Vetmeduni   Vienna   den   Zeitpunkt   des   Vogelzuges im zentralen Mittelmeerraum. Der   MÜRZPANTHER   begnügt   sich   allerdings   nicht   mit   den   Forschungsergebnissen,   sondern hat für mehr Information ein Interview mit dem Studienleiter Ivan Maggini geführt.
Für   diese   Forschung   bot   die   Insel   Ponza   im      Tyrrhenischen   Meer   die idealen   Voraussetzungen,   weil   sie   eine   beliebte   Zwischenstation   für Zugvögel    ist.        Ein    großer    Teil    der    mittel-    und    nordeuropäischen Wandersingvögel   macht   auf   dieser   Insel   Halt,   um   sich   von   einer   fast 500    km    langen    Meeresüberquerung    zu    erholen.    Dort    wurden    die Zugzeiten   der   30   während   der   letzten   18   Jahre   auf   der   Insel   am häufigsten     gezählten    Arten     analysiert.      "Als     allgemeines     Muster konnten   wir   eine   Vorverlegung   der   Zugzeit   beobachten.   Allerdings haben   die   in   Nordafrika   und   der   Sahelzone   überwinternden Arten   ihre Zugzeit   stärker   nach   vorne   verschoben   als   jene   Arten,   die   weiter südlich,    in    den    tropischen    Wäldern    Zentralafrikas,    überwintern“ meint   Ivan   Maggini.   Für   dieses   Phänomen   gibt   es   zwei   Erklärungs- ansätze:   Entweder   verbessern   sich   die   Bedingungen   in   der   Sahelzone, so   dass   sich   die   Vögel   schneller   auf   den   Zug   vorbereiten   und   somit früher   aufbrechen   können,   oder   die   Bedingungen   entlang   der   Route begünstigen eine schnellere Zugbewegung. " Herauszufinden,   welches   dieser   beiden   Szenarien   das   wahrschein- lichere   ist,   ist   der   nächste   Schritt,   um   besser   zu   verstehen,   ob   und welche   Zugvögel   in   Zukunft   in   der   Lage   sein   werden,   sich   an   den Klimawandel    anzupassen".    Maggini    und    Fusani    von    der    Vetmeduni Wien   arbeiten   bereits   an   der   Beantwortung   dieser   Fragen,   indem   sie die   Physiologie   und   das   Verhalten   der   Vögel   auf   Ponza   und   in   der Sahara-Wüste    in    Marokko    untersuchen,    wodurch    in    naher    Zukunft klarer    sein    sollte,    welche    Zugvogelarten    besonders    unter    dem Klimawandel leiden. dMP:   Welche   Faktoren   bestimmen   grundsätzlich   die   Entscheidung, den     Zug     zu     beginnen?     Bzw.     was     ist     die     innere     Uhr?     - Umwelteinflüsse, die den Zug initiieren? Ivan   Maggini:   Es   gibt   eine   starke   genetische   Komponente,   die   sich   mit
externen   Signalen   kombiniert.   Das   heißt,   dass   die   Vögel   bei   einer gewissen   Tageslänge   einen   inneren   „Drang“   zum   Ziehen   spüren,   der also   unabhängig   von   externen   Faktoren   (außer   eben   die   Tageslänge) wirkt.   Der   Feinschliff   wird   aber   sehr   wohl   von   externen   Bedingungen gegeben:   Zum   einen   muss   das   Wetter   die   Versorgung   mit   Nahrung begünstigen,    damit    die    Vögel    genügend    Fettreserven    zum    Abflug abspeichern    können,    darüber    hinaus    müssen    die    Windbedingungen auch   günstig   sein.   Vögel   fliegen   ungern   bei   starkem   Wind   und   starker Bewölkung,   da   sie   unter   anderem   auch   die   Sterne   und   die   Sonne   für die Orientierung brauchen. dMP:   Was   bewirkt   die   Unruhe   der   Zugvögel,   in   älteren   Werken folgendermaßen   beschrieben:   Sie   werden   um   die   Zeit   der   Reise unruhig,   auch   wenn   sie   sich   im   Käfig   befinden,   nicht   minder,   wenn sie   als   Junge   dem   Neste   entnommen   und   in   der   Gefangenschaft aufgefüttert wurden.“ Ivan   Maggini:   Die   sogenannte   „Zugunruhe“   wurde   schon   in   den   1930er Jahre   beschrieben   (so   wie   sie   es   korrekterweise   zitieren).   Das   sind standardisierte   Bewegungen,   die   die   Vögel   zeigen,   in   der   Zeit   wo   sie in   der   Natur   ziehen   würden.   Das   ist   genetisch   reguliert,   also   wird   es auch    von    „unerfahrene“    Jungtiere    gezeigt.    Das    Hormon    Melatonin scheint   dahinter   zu   stecken   (wobei   das   genaue   Mechanismus   noch unbekannt    bleibt).    Die   Ausschüttung    von    Melatonin    wird    in    jenen Nächte   unterdrückt,   wo   die   Vögel   ziehen   sollten.   Niedrige   Melatonin- Werte   sorgen   dafür,   dass   die   Vögel   „unruhig“   werden.   Die   Zugunruhe ist   besonders   für   Zugvogelforscher   sehr   nützlich,   da   sie   es   erlaubt, Zugvögel auch unter Laborbedingungen zu studieren.
dMP:    Gibt    es    eine    hormonelle    „Umstellung“    hin    zu    Paarungs- bereitschaft,   die   dem   Vogel   auch   mitteilt,   wann   die   Wanderung einzusetzen hat? Ivan     Maggini:     Die     hormonelle     Steuerung     des     Vogelzuges     ist weitgehend   unbekannt.   Studien   des   Frühjahrszuges   haben   gezeigt, dass    Testosteron    die    Zugaktivität    erhöht.    Das    hat    aber    mit    dem Einsatz   des   Zuges   zu   tun   -   viel   eher   mit   dessen   Geschwindigkeit.   Das erklärt    der    Herbstzug    aber    nicht!    Es    muss    noch    viel    an    der hormonellen     Steuerung     untersucht     werden,     und     Hormone     wie Melatonin    oder    Testosteron    sind    sicher    nur    ein    Teil    einer    viel komplizierteren Geschichte! dMP:   Welche   Befürchtung   hegt   man,   wenn   die   Zugzeit   verschoben ist/   noch   weiter   verschoben   wird? Aus   welchen   konkreten   Gründen kommt   es   zu   einem   Bestandsrückgang   (Unfähigkeit   den   Zeitpunkt des Zuges anzupasen?) – bitte um ein Beispiel einer Art! Ivan    Maggini:    Wir    wissen    nicht    genau,    inwiefern    ein    schlechtes „Timing“    überhaupt    einen    Rückgang    bei    manchen   Arten    bewirken kann.   Die   Befürchtung   wäre,   dass   eine   Nichtübereinstimmung   von Zeitpunkt    der    Brut    und    Zeitpunkt    der    höchsten   Anwesenheit    von Beute   (zur   Nahrung   der   Junge)   entstehen   kann.   Frühe   Studien   am Trauerschnäpper     haben     gezeigt,     dass     eine     nicht     vollständige Übereinstimmung   zu   schlechteren   Bedingungen   für   die   Nachkommen führen   kann.   Ob   das   der   einzige   Grund   für   einen   Bestandsrückgang ist, sollte noch bewiesen werden.
dMP:   Wird   sich   das   Zugverhalten   und   damit   das   längere   Verbleiben in   den   Sommeraufenthaltsgebieten   auf   die   Zahl   der   Nachkommen auswirken   –   viele   Vögel   haben   ja   zwei   Gelege!   (Oder   sind   das   meist standorttreue   Vogelarten?)   Könnte   sich   der   Bestand   einiger   Arten dadurch auch wieder vergrößern? Ivan   Maggini:   Es   ist   tatsächlich   so,   dass   viele   Arten,   die   durch   das wärmere   Klima   länger   im   Brutgebiet   bleiben,   die   Möglichkeit   einer Extra-Brut    haben    und    diese    auch    wahrnehmen.    Also    könnte    man solche    Arten    als    „Klimawandel-Gewinner“    bezeichnen.    Meistens handelt   es   sich   um   Arten,   die   kurze   Strecken   ziehen,   da   sie   -   wie unsere    Studie    auch    zeigt    -    ihre    Zugzeiten    besser    an    die    sich verändernden Klimabedingungen anpassen können. Der     Klimawandel     wirkt     sich     auf     verschiedene     Lebewesen     auf unterschiedlichste    Weise    aus.    In    Europa    begünstigt    der    frühere Frühlingsbeginn    ein    früheres    Erscheinen    von    Insekten,    was    sich wiederum   auf   die   Brutzeit   der   insektenfressenden   Vögel   auswirkt. Indem   sie   früher   brüten,   stellen   sie   sicher,   dass   sie   genügend   Nahrung finden,   um   ihre   Jungen   zu   ernähren.   Viele   Zugvögel   sind   jedoch   nicht in   der   Lage,   jahreszeitlich   veränderte,   günstige   Bedingungen   in   ihren europäischen    Brutgebieten    zu    beobachten,    weil    sie    den    Winter Tausende von Kilometern entfernt in Afrika verbringen.
Der   Singvogel   Garrulus   glandarius   - der    mitteleuropäische    Eichelhäher ist   ein   Teilzieher.   Dabei   legen   sie   im Schnitt unter 100 km zurück.
dMP:     Gibt     es     vielleicht     bereits     bei     einigen/     wenigen    Arten alarmierende    Verschiebungen    aufgrund    der    zeitlich    geänderten/ vorverlegten Migration? Ivan   Maggini:   Man   kann   anhand   der   Daten,   die   uns   zur   Verfügung stehen,    keine    Kausalität    zwischen    Änderungen    in    der    Zugzeit    und Bestandsrückgang     feststellen.     Die     oben     erwähnten     Studien     am Trauerschnäpper   haben   gezeigt,   dass   es   möglicherweise   einen   Einfluß auf   die   Umfeldbedingungen   der   Nachkommen   geben   könnte,   aber   ob und wie das sich auf die Populationen auswirkt ist noch unbekannt. dMP:    Besiedeln    die    Zugvögel    in    den    Winterquartieren    in   Afrika immer    exakt    die    selben    Gebiete?    Oder    lassen    sich    auch    hier klimabedingt Änderungen feststellen? Ivan   Maggini:   Dazu   haben   wir   viel   zu   wenig   Information,   da   es   so   gut wie   keinen   Monitoring   in   den   afrikanischen   Winterquartieren   gibt.   Die einzigen    Daten    aus    GPS-markierten    größeren    Vögel    scheinen    zu zeigen,   dass   sie   doch   relativ   standorttreu   sind.   Veränderungen   über längere    Zeit    kann    man    aber    nicht    feststellen,    da    diese    Methoden relativ   neu   sind,   und   wir   bekommen   Daten   nur   aus   einer   begrenzten Anzahl   Individuen,   was   nicht   genügt,   um   auf   die   Populationen   oder Arten Schlüsse zu ziehen. dMP:    Gibt    es    bezüglich    der    klimatischen    Veränderungen    auch Untersuchungen   von   Vogelarten,   die   beispielsweise   in   der   Tundra brüten   und   als   „Wintergast“   bei   uns   anzutreffen   sind   (wie   etwa   die Eisente)? Ivan   Maggini:   Mir   ist   das   nicht   bekannt,   wobei   es   ein   sehr   interessantes Thema    wäre.    Wir    wissen    schon,    dass    manche    Zugvögel    ihren    Zug
verkürzt   haben,   z.B.   der   Weißstorch   hat   früher   fast   ausschließlich südlich   der   Sahara   überwintert,   nun   bleiben   viele   in   Spanien   hängen, oder   ziehen   sogar   gar   nicht   mehr!   Wir   (Österreichische   Vogelwarte AOC)    haben    auch    seit    3    Jahren    ein    Monitoring-Programm    von Singvögeln   an   Futterstellen   gestartet,   in   der   Hoffnung,   nach   einigen Jahren   mehr   Daten   in   dieser   Richtung   zu   bekommen.   Es   braucht   aber eine   relativ   lange   Zeitreihe,   um   diese   Fragen   zu   beantworten   (mind. 12-15 Jahre). dMP:      Welche      Auswirkungen/      Empfehlungen      bringen      Ihre Forschungsergebnisse – für bspweise die Landwirtschaft? Ivan     Maggini:     Unser     Ergebnis     zeigt,     dass     manche     Arten     in Schwierigekeiten   geraten   könnten,   weil   sie   nicht   genügend   Futter   für Ihr   Nachkommen   finden.   In   der   heutigen   Zeit   haben   wir   generell   mit dem    Insekten-Aussterben    ein    großes    Problem.    Darunter    leiden    die Zugvögel   auch,   und   ganz   besonders   diejenigen,   die   ihre   Ankunft   nicht gut   „timen“   können.   das   heißt   also,   die   Biodiversität   zu   fördern,   muss die    Devise    sein.    Extensive    Landwirtschaft,    das    Beschaffen    von Strukturen,   die   die   Insektenvielfalt   begünstigen,   das   wird   sich   auch auf die Zugvögel auswirken! dMP: Herzlichen dank für das Interview!
Der    Phoenicopterus    roseus    -    der    rosa Flamingo    ist    auch    ein    Kurzstrecken- zieher    und    kommt    in    Europa,    Afrika, Asien und   Amerika vor.