der muerzpanther
Die Zeit dazwischen - Pflanzen in ihrer verfallenden Schönheit! Man   betritt   das   Naturhistorische   Museum   durch   schwere,   hohe   Türen.   Gleich   dahinter   fängt allerdings   bereits   die   Schlange   an,   die      sich   vor   der   einen,   geöffneten   Kasse   befindet.   Nur   ein paar   Meter   von   der   Kasse   entfernt   befinden   sich   Informationstafeln,   vor   denen   sich   die Touristengruppen   scharen,   um   sich   einen   Überblick   über   die   Tickets   zu   verschaffen.   Das   führt dazu,   dass   niemand   so   genau   weiß,   wer   sich   jetzt   bereits   vor   der   Kasse   anstellt,   oder   nur informieren   will.   Auf   jeden   Fall   ist   es   dicht,   etwas   gedrängt,   aber   ganz   lustig.   Ich   kürze   den Weg   irrtümlich   (natürlich!)   etwas   ab,   da   ich   das   Museum   nicht   durch   die   Mitteltüre,   sondern eine   Seitentüre   betreten   habe   und   so   in   die   Verlegenheit   komme,   die   vorher   erwähnte Unterscheidung in Anstellende und sich Informierende nicht treffen zu können. Meine   Pressekarte   in   Händen   muss   ich   mich   allerdings   wieder   an   der   gesamten   Schlange vorbei,   an   und   durch   Gruppen   vor   den   Tafeln   zu   den   Billetteuren   durchkämpfen.   Dahinter wird   es   etwas   entspannter,   weil   das   Museum   von   den   Architekten   Semper   und   Hasenauer nicht     unbeachtlich     groß     konzipiert     wurde.     Dennoch     bleiben,     auf     die     sternförmig weggehenden   Stiegenaufgänge   etwas   ratlos   blickenden   Touristen,   wie   vom   Blitz   getroffen nach    der    elektronisch    gescannten    Kartenkontrolle    stehen,    um    nach    geraumer    Zeit    die Informationsstände    in    der    Eingangshalle    auszumachen.    Immerhin:    Folder.    Gruppen    mit Foldern.    Touristen    mit    Foldern.    Mütter    mit    Kindern    und    Foldern    und    ohne    Foldern. Beschilderungen   dienen   der   Orientierung,   die   halbhoch   führen,   in   den   ersten   Stock   und   dann noch weiter in die Räumlichkeiten der Sonderausstellung. Das ist heute mein Ziel.
Raps - Brassica napus ist im linken Bild und Sanddorn, Gelbflechte Eichenmoos rechts zu sehen; beide: © Lutnyk
Das    ist    heute    mein    Ziel.    Der    Menschenfluss,    der    mich    ganz    unten    noch mitgerissen   hat,   verdünnt   sich   spürbar,   bis   ich   mich   ganz   alleine      ganz   oben wiederfinde. Ein Ausstellungsraum für mich alleine! Mit   jenen   Exponaten,   die   von   der   Künstlerin      Petra   Lutnyk   geschaffen   wurden. Dabei    muss    ich    mich    erst    zurechtfinden    -    in    der   Technik.    Die    Fotografien erinnern   stilistisch   stark   an   die   Botaniksammlungen,   die   sich   Blatt   an   Blatt   in endlosen   Schaukästen   so   mancher   Schlösser   und   Museen   betrachten   lassen.   Es fehlen    hier    nur    die    dazu    eingespielten    Soundeffekte:    Wind    lässt    Blätter rascheln,   das   Erstarren   eines   Tales   in   der   Kälte   des   Jänner,   der   Balzgesang einer   Wacholderdrossel,   schmelzende   und   tropfende   Eiszapfen   mit   ihrem   blip, blip, blip ... Das   Dargestellte   springt   mich   an   und   lässt   sofort   wieder   los,   ich   sehe,   dass   es nicht    einfach    nur    ein    Rundgang    wird.    Jedes    einzelne    Blatt,    wenn    auch technisch    das    eine    dem    vorherigen    folgt,    schreit    geradezu    nach    Zeit    und Aufmerksamkeit.   Strukturen,   Details   und   Inhalt   wollen   erforscht   werden.   Hier schließt   sich   der   Kreis   zum   Ausstellungsraum:   Dem   Botaniksaal.   Die   Künstlerin begnügt   sich   nicht   damit   abzubilden,   es   vermittelt   mir   von   Bild   zu   Bild   eine eigenartige   Ästhetik,   die   durch   Monochromie   die   Kälte   der   Jahreszeit   fühlbar werden läßt. Diese    Eigenart    findet    sich    in    den    Formen    der    Darstellungen,    gewollt    oder zufällig,   rankend,   hängend   oder   aufstrebend.   Es   nimmt   eine   Position   zwischen Kunst   und   wissenschaftlicher   Betrachtung   ein,   die   hier   fließend   ist.   Der   Verfall und   das   Absterben   der   Pflanzen,   ignoriert   von   den   Meisten   von   uns   in   der Vorbereitung    auf    den    Winter,    rückt    in    merkwürdigen    Mittelpunkt,    gibt Schönheit    preis    und    Freude.    Um    genau    das    sichtbar    zu    machen    wird    das
eigentliche   Objekt   vergrößert.   Der   Blick   auf   die   Natur   wird   zu   einem   Blick durch   ein   Mikroskop,   das   per   se   fasziniert.   Und   so   geschieht   es,   dass   sich bereits    beim    vierten    oder    fünften    Foto    Unruhe    einstellt.    Ich    habe    im Gesichtsfeld   bereits   wieder   eine   kühle   Farbe   geortet,   eine   subtile   Form   durch den Ausstellungssaal   wahrgenommen,   eine   Pflanze   wiedererkannt   ...   Dort   sein, nicht dorthin kommen!   ...   wenn   man   in   den   sensiblen,   fast   gemalt   wirkenden   Bildern   eine   geliebte Gartenpflanze neu entdeckt.   Eva   Sturm   meint   dazu   in   "Metamorphose   im   Zwischenraum"   als   begleitenden Text:      Bilder      von      Gewächsen,      Blättern,      Wurzeln,      Stängeln,      Sich- Verzweigendem,    in    eine    Richtung    oder    mehrere    Richtungen    Weisendem, Scharfem     und     Undeutlichen.     Kunst     sei     eine     Pause     im     Rhythmus     von Normalität, heißt es zum Beispiel. Wenn    die    Natur    innehält,    im    Winter,    haben    wir    es    mit    einer    schnell vergänglichen   und   ungesehenen   Schönheit   zu   tun:   Eisblumen,   Auflösung,   und Wiedergeburt.   Diesem Thema   wird   diese Ausstellung   mehr   als   gerecht,   sie   führt uns   -   bis   in   den   Oktober   dauernd   -   in   diesem   Monat   direkt   zum   Kern:   Sich   Zeit zu    nehmen,    das    Echte    zu    ergründen.    „FLORA    PHOTOGRAPHICA.    Die    Zeit dazwischen“. Schön, wenn Sie ihn noch vor sich haben: den Museumsbesuch!
Kuhschelle - Pulsatilla pratensis links und rechts sehen sie Wilder Hopfen - Humulus Lupus; beide: © Lutnyk