JAZZ

Der Musikpanther

Der Musikpanther

Der Steirer und freeJazzer Markus Krispel im Interview! Ein legendäres Konzert in Wien, im  mo.e

DAS KONZERT im Mo.e


Es stellt sich schnell die Frage: was kommt danach? Ein Instrument auf Eigenschaften zu untersuchen, wie Markus Krispel dies in experimenteller Spielerlaune tut, ist sicherlich ein Ansatz zu musikalischer Bereicherung, für uns Zuhörer. Man ist gezwungen zu assoziieren, manch Einer erkennt eine Kettensäge- das Atmen wird hörbar!, ein Anderer das Rauschen des Waldes im überlassenen Raum der Hörzentren des Gehirns! Hhhhhhhh….Hhhhhhh. Zeige es am Bariton. Die erste Nummer - übrigens allesamt frei improvisiert - führt uns in die Welt der Vielfalt, die zweite, am Weg von der großen Halle des Mo e hinüber zu der etwas kleineren Spielstätte, führt uns ebenfalls in die Welt der Vielfalt. Ich ahnte nicht, was alles mitschwingen kann. An drums! So lässt Markus die Instrumente erklingen, an denen niemand sitzt, die niemand bedient. Mit einem wunderbaren Instrument aus den 30-er Jahren!

   Markus Krispel erklärt uns den Begriff des free jazz, wie man es besser nicht tun kann: die Elemente der freien Rhythmik genauso wie das Aufheben des Unterschiedes Klang zu Geräusch! Kann das alleinige Betätigen der Mechanik des Saxophons bereits Töne hervorbringen?! Man hört, oder man will sie hören: das Abenteuer Klang befindet sich im Kopf.

Das Abenteuer Raum im mo.e. Im 17. Bezirk in Wien, nahe dem Gürtel. Der Rahmen für dieses Event ist so improvisiert, wie die Musik, die wir diesen Abend genießen dürfen. Das ist gut so und soll so sein. Die Lichtinstallation ist sehr gefällig!

Den Abschluss des ersten Teils bildet das Altsaxophon mit einem Ausbruch der Fröhlichkeit, sowohl des Musikers, der sich kurz lachend abwendet als auch des Stückes. Frei,frei, frei!

Miklós Szilveszter am Schlagzeug und Ajtai Péter am Bass bilden mit Markus Krispel das Trio. Hört die Töne! Vor allem, wenn die gleiche Notenabfolge von Saxophon und Bass, die gleich darauf ihre Auflösung findet, so etwas wie Dichte hervorruft, eine Dichte des Genusses! Die Auflösung erfolgt in kontrastierenden Läufen, die ihr Ende finden. Wie auch das Solo am Schlagzeug, begleitet von den Geräuschen der Klappen des Blasinstrumentes. Rhythmisch variierend geht es weiter zu gestrichenem Bass, einen Klangkörper bildend durch die Technik des Fließenlassens der Luft durch das Instrument ohne einen Ton über das Mundstück zu erzeugen! Dazu zeigt der Saxophonist Sinn für Inszenierung, das Wegdrehen vom Publikum zur Mauer hin bewirkt nicht nur eine akustische Änderung, es deutet die Schlussapotheose an, die ihrem Namen alle Ehre macht: Schnelligkeit, Lautstärke, man ist geneigt seiner großen Freude Ausdruck zu verleihen: BRAVISSIMO! AB

Der Mürzpanther: Wo hast Du deine Kindheit verbracht, wo bist Du zu Hause/ Wien/ Stmk? wie zum Saxophon gekommen?

  Meine Kindheit habe ich in einem kleinen Ort in der Südsteiermark verbracht, bin in Leibnitz ins Gymnasium gegangen und dann mit 18 nach Wien, wo ich auch geboren bin. Zu Hause würde ich beide Orte nicht nennen. Ich bin überall gern zu Besuch.

Ein Freund brachte mir eines Tages Ende der 90iger- Jahre ein Alt Saxophon in die Wohnung; er war entnervt vom Versuch es zu spielen, ungeduldig und meinte vielleicht wär´s ja was für mich.



Der Mürzpanther: Ausbildungen?

  Ich habe allerlei studiert (Kunstgeschichte, slawische Sprachen, Geschichte), jedoch nur meine Ausbildung für Sozialpädagogik abgeschlossen. Meine musikalische Ausbildung ist hauptsächlich Selbststudium und das musizieren in Bands. Ich improvisiere seit je her mit unterschiedlichen Instrumenten, zuerst meist Gitarre. Irgendwann hatte ich das Bedürfnis mich vermehrt mit dem Saxophon auseinanderzusetzen. Ich organisierte mir 2 Jahre lang Unterricht, der Rest ist Autodidaktentum.


Der Mürzpanther: Wie bist Du zum freeJazz gekommen?

  Ich bin eindeutig über den „Free Jazz“ zum Jazz, zur improvisierten Musik etc. gekommen. Und vor allem über Rockbands, die wiederum Elemente aus der Welt des Jazz aufgenommen haben. Weiters über den Austausch mit Freunden und den Besuch eines Festivals Mitte/Ende der 90iger Jahre Namens „Musik Unlimited“ im Alten Schlachthof in Wels, OÖ.


Der Mürzpanther: Wo gibt es für einen Musiker wie Dich Engagements/ Clubs/ Lokale?

  Konzerte gibt es hauptsächlich über Selbstorganisation, selten kommen auch Anfragen von Veranstaltern. Es gibt in Wien einige Lokale, in denen man organisieren kann, wie z.B. das Mo.e oder das Celeste, wo auch jeden Montag seit 2005 ein Jam/Konzert Abend stattfindet, und einige andere große und kleine Orte wo improvisierte Musik veranstaltet wird, wie das Rhiz, Fluc, Vekks, Blue Tomato, Martin-Schlössl, Künstlerhaus-Brut, WUK, Echoraum, Porgy&Bess etc.. Es gibt viele grössere und kleinere Bühnen/Lokale. Wien hat eigentlich viele Bühnen mit ausgiebig Musik dieser Art, es ist allerdings nach wie vor eine Art Spartenmusik, welche meist so präsentiert und wahrgenommen wird, deshalb beschränkt sich auch der Zulauf zu Konzerten.

Der Mürzpanther: Auftritte in Deutschland? Ungarn mit AKM ? Bieten sich zur Zeit  Möglichkeiten?


  Das hält sich in Grenzen, wobei durch Eigenengagement immer was möglich ist. Ich konnte gerade eben mit einem befreundeten Musiker (Margaret Unknown) eine kleine Duo – Tour zwischen Frankfurt und Berlin organisieren, in Frankfurt gibt es den Dreikönigskeller, wo ich immer spielen kann, wir haben jedoch draufgezahlt, das ist das Risiko mit den Doorgigs. In Berlin gibt es zwar bis zu 6 Konzerte improvisierter Musik pro Tag, aber es verdient niemand was. Die Qualität leidet aber wie immer keineswegs darunter, was ich aber keinesfalls verherrlichen will! Dort gibt es bestimmt noch viel weniger Geld dafür, als in Österreich und die Strukturen in den großen Städten sind noch nicht so weit, dass sich über stetes Publikum und spendierfreudigere Wirt(e)innen ein neues Musikanntinnentum etablieren würde, wo man wenig, aber regelmässig verdient, viel spielen kann und geschätzt wird. Andererseits gibt es überall in Europa diese gewachsene Konzertkultur, die grundsätzlich viele positive Errungenschaften wie konzentriertes Zuhören, breites Interesse an Musik und Aufmersamkeitsbereitschaft birgt. Und die Qualität muss stimmen, was natürlich auch nicht immer der Fall ist. Weiters würde ich auch unterscheiden zwischen Konzerten, die im halb öffentlichen, halb privaten Rahmen stattfinden. Konzerte als soziales Ereignis finden nicht mehr nur im trennbar öffentlichen Raum statt und bergen somit veränderte soziale Aspekte. Viele Konzerte werden nur mehr über soziale Netzwerke angekündigt, adressieren somit ein anderes Publikum als „die Öffentlichkeit“ die sich durch etablierte Medien herstellt.

  Ich hatte letztes Jahr die Gelegenheit einige Male in Ungarn zu spielen und dort eine sehr lebendige Szene mit MusikerInnen unterschiedlichen Alters kennen gelernt, die auf hohem Niveau musizieren. Ich habe jederzeit die Möglichkeiten in Budapest zu spielen, durch meine Verbindung mit meinen Kollegen. Die haben durchwegs einen sehr anderen musikalischen Background. Viele kommen direkt aus dem akademischen Jazz, die meisten haben Ahnung der ungarischen Folklore, die viel komplexer ist, als die österreichische. Das ist auch für junge Musikanntinnen ein ernstzunehmender Bezugspunkt. Die älteren, davon gibt es einige, haben politisch eine andere Situation erlebt, und zum Teil ihre Musik seit jeher politisch gesehen, andere wiederum sagen, Sie hätten im Kommunismus musikalisch die meisten Freiheiten gehabt. In Budapest finden laufend Free Jazz/Impro Konzerte statt, die gut besucht werden, mit sehr interessiertem Publikum.

  Zwischen Österreich und Ungarn findet im Moment so gut wie kein Austausch statt, trotz der geographischen Nähe. Es hat da bereits einige Versuche gegeben von denen ich weiss. Die Organisation Limmitationes z.B. mit Udo Preis kümmert sich spezifisch sehr um den Austausch von MusikerInnen zwischen Österreich und den Balkanländern und Osteuropa auf dem Sektor improvisierter Musik. Da gab es Kooperationen mit dem relativ großen und international bespielten Festival Madiawave in Györ, was sich aber verlaufen hat. Das V:NM Festival in Graz hat ebenso vermehrt den Ansatz und fördet aktiv den Austausch mit Nachbarländern im Osten. Ich möchte das in Wien wieder verstärken, da ich glaube ein kontinuierlicher Austausch würde den Städten gut tun, und versuche deshalb gerade eine Veranstaltungsreihe für improvisierte Musik, vorerst zwischen Wien und Budapest aufzubauen, die als Plattform für MusikerInnen beider Städte dienen soll. Ich finde das längst überfällig, ich finde es super spannend mit meinen Vorraussetzungen, meinem Hintergrund Konzerte in Ungarn zu spielen, genauso geht’s meinen KollegInnen von dort.

Der Mürzpanther: Wo und wieviel freeJazz verträgt Wien - als Steirer - Graz galt immer als die breitere Szene?

  In beiden Städten passiert viel eigenwillige, improvisierte Musik. Durch den Bezug zu Graz in jungen Jahren haben sich natürlich gute Kontakte, Bekanntschaften, Freundschaften entwickelt zu Menschen mit Interesse an unterschiedlichster Musik. Einige der Leute, die ich seit langer Zeit kenne sind in Graz aktive MusikerInnen oder KulturarbeiterInnen. Aber ich bin fast nie in mehr in Graz, also kann ich über das tägliche Konzertgeschehen nicht viel sagen. Ich habe nach wie vor einen starken Bezug zum Forum Stadtpark, eine sehr wichtige Kulturinstitution mit einem tollen Team. Und zur Interpenetation Reihe von Maru, der seit Jahren die Hauptanlaufstelle für kontinuierliches Konzertprogramm am Sektor für experimentelle Musik in alle Richtungen tätig ist, dessen Initiative allerdings aus Mangel an finanzieller Unterstützung gefährdet ist. Das könnte für Graz einerseits einen unglaublicher Verlust bedeuten, da er internationale Strahlkraft mit seiner Veranstaltung hat, andererseits entsteht vielleicht was grossartiges Neues. Dann gibt es noch das V:NM Festival in Graz, welches jährlich stattfindet, und experimentelle und improvisierte Musik gespielt wird.


Der Mürzpanther: Wie sieht die/ Deine Entwicklung in diesen Städten aus?

  Ich kann regelmässig in Wien spielen, wobei ich das meistens selbst veranstalte. Ich besuche seit vielen Jahren das am Montag im sogenannten „Jazz Keller“ stattfindende

öffentliche Jam/Konzert Treffen. Marco Eneidi hat das 2005 als „The Neu New York Institute of Improvised Music“ gegründet.


Der Mürzpanther: Geplante Projekte, solo/ AKM/ andere Konstellationen?

  Geplant ist viel im Moment. Solo spiel ich immer gerne. Das Trio mit AKM, den ungarischen Kollegen verfolgen wir weiter, wollen in Kürze aufnehmen. Ich hab gerade

mit Margaret Unknown in Berlin aufgenommen, was super war. Weiter Aktionen sind angepeilt und in Planung. Die Veranstaltungsreihe, die ich geplant habe nennt sich

„Sopron Shuffle – trans european music meetings“ und soll so eine Art übergeordnete Plattform mit konzentrierter Form für den Austausch zwischen Ungarischen und Österreichischen MusikerInnen werden.


Der Mürzpanther: Ist freeJazz salonfähig geworden- Anfänge vor über 50 Jahren?

  Auf jeden Fall!, was mich aber überhaupt nicht stört. Ich muss sagen, ich mag den Begriff „Free Jazz“ noch immer gerne, weil er für mich immer noch was verheissungsvolles hat und in mir eine Erwartungshaltung von Intensität, Spannung und Abenteuer hervorruft. Er ist zwar missverständlich, weil das „Free“ schwer zu definieren ist, aber den Anspruch des Verständlichen versteh´ ich sowieso nicht, die meisten Zuschreibungen haben missverständlichen Charakter. Free Jazz ist auf der einen Seite sehr aufgeladen, diente auch schon als Vehikel aller möglichen Ideen, hat einen fixen Platz in der Musikgeschichte und enthält die Information, dass mit Versatzstücken oder Elementen des Jazz, sei es das klassische Instrumentarium, diverse musikalische oder soziale Strukturen anders umgegangen wird, als den etablierten Strukturen, wobei dieses „Anders“ mittlerweile auch schon sehr lange existiert, was einen dazu zwingt sich kontinuierlich damit auseinanderzusetzen, was bringe ich ein, welche Position nehme ich ein, was kann ich beitragen und ganz einfach, wo wiederhole ich mich bzw. was sind mein Floskeln und was meine Macken, Eigenheiten.

  Dieses Anders bedeutet: die Integration von Elementen unterschiedlicher Musiken, Stimmungen, Dynamiken z.Bsp. aus dem Tanz oder maschineller Natur etc. und aller Geräusche, die du auf deinem Instrument kultivierst, oder gerade neu entdeckst, ebenso Lärm, also eine Demokratisierung der Position der Klänge, wenn man so will. Was ich an der Musik so mag ist die Nähe und Integrität der Aspekte, welche letztendlich die Musik konstituieren. Ich meine das Resultat deiner eigenen musikalischen Beschäftigung, die Infrastruktur wo bzw. wie die Musik stattfindet, das Kennen oder Kennenlernen deiner musikalischen PartnerInnen, die Tagesverfassung etc. - dies hat alles einen sehr direkten, ungefilterten Einfluss auf die musikalische Darbietung.

Der Mürzpanther: Was sind derzeit "zeitgenössische Formen" des freeJazz, welche Techniken favorisierst Du?

  Es ist für mich sehr natürlich, dass man in improvisierter Musik beginnt aus Neugierde sein Instrument zu präparieren, oder auf der Suche nach frischen Klangerlebnissen das Instrument anders als gewohnt zu spielen. Die Frage ist immer wie spannend und ergiebig die Suche ausfällt. Da gibt es sehr viele Arten von Techniken, aber ich finde es uninteressant darüber zu sprechen. Man kommt sowieso drauf, wenn man zu- hört oder sieht.


Der Mürzpanther: …..und wie funktionieren sie- Klappenperkussion/ air tone?


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Der Mürzpanther: Du reparierst auch Saxophone? warum/ wie dazu gekommen?

  Eigentlich aus Geldnot und dem Bedürfnis nach einem neuen Grundsound. Ich hab mir ein kaputtes Instrument übers Internet geholt, von dem ich wusste, dass mir der Klang sehr gefällt, mit dem Plan, dieses selbst auf Vordermann zu bringen, viel zu optimistisch! Einige Zeit später habe ich zufällig jemanden kennen gelernt, der das Wissen, die Fähigkeiten und Werkzeuge hatte das Saxophon zu restaurieren. Mit dieser Person habe ich dies vollführt und gleichzeitig so viel gelernt, dass ich weiter gemacht habe. Ein sehr schöner Nebeneffekt ist, dass man durch diese Tätigkeit eher zu interessanten Instrumenten kommt.


Der Mürzpanther: Auch über das 30iger- Jahre Sax? wieso dieses/ wo gefunden? - warmer Klang? Welche anderen Instrumente spielst Du, Marken und deren Vorzüge?

   Es ist mir schon lange ein grosser Wunsch Bariton zu spielen. Ich hab Monate lang recherchiert und Ausschau gehalten und dann mein jetziges Instrument gefunden. Ein The Martin- Bariton aus den 30iger- Jahren. Ich hatte Glück, es war wirklich ein Schnäppchen. Die Metalllegierungen von damals waren durchwegs anders. Der hohe Kupferanteil im Messing und die dickwandige Ausführung erzeugen einen warmen, vollen Klang. Das Instrument ist robust, die Mechanik viel umständlicher zu bedienen als bei neuen Saxophonen, jedoch kann ich es ohne Schwierigkeiten reparieren oder feinjustieren, verändern. Mein Hauptinstrument und das erste Saxophon, welches ich unter Anleitung repariert habe ist ein Conn 6M von 1939. Ich hab in der Zwischenzeit viele Altos ausprobiert und bin nach wie vor sehr glücklich mit dem Instrument, wobei ich einschlägigen Markenfetischismus total ablehne; absoluter Blödsinn, weil es in weiterer Folge Klangfetischismus bedeutet und mich das überhaupt nicht interessiert.


Der Mürzpanther: Danke Markus!