der muerzpanther
Unter    dem    Titel    "Alles    tanzt    -    Kosmos    Wiener    Tanzmoderne"    betritt    der    Besucher    des Theatermuseums   eine   für   die   meisten   unbekannte   Welt:   Wie   stand   es   um   die   Wirtschaft? Welche    Rolle    hatte    die    Frau    inne?    Wie    experimentell    gab    sich    die    Fotografie?    Welche gesellschaftlichen    Strukturen    bestanden?    Was    sagt    uns    die   Tanzwelt    der    Zwanziger    und Dreißiger Jahre? Andrea    Amort    hat    den    Versuch    unternommen,    dieses    Kapitel    -    reich    illustriert    -    dem Interessierten   nahe   zu   bringen.   Dabei   kann   sie   auf   einen   wahren   Schatz   zurückgreifen:   Sie erschließt   im   Rahmen   ihrer   Professur   an   der   MUK   (Musik   und   Kunst   Privatuniversität   der   Stadt Wien)    den    Nachlass    der    Tänzerin    Rosalia    Chladek.    Kleinformatige    und    beeindruckende fotografische   Zeitdokumente   sind   dabei   das   Kernstück   der   sehenswerten   Ausstellung.   Sie veranschaulichen   die   Vielfalt   und   Dichte   einer   von   starken   Frauenpersönlichkeiten   domi- nierte Tanzszene.
Fotos:    Theatermuseum    KHM    Muse- umsverband Umsetzung: Der MÜRZPANTHER
Was     diese    Ausstellung     sofort     offenbart     ist     die     enge     Verknüpfung     der Kunstgattungen   Tanz   und   Fotografie.   Der   moderne   Tanz,   oder   auch   freie   Tanz entwickelte   sich   am   Anfang   des   20.   Jahrhunderts   als   Gegenbewegung   zum klassischen   Ballett.   Dadurch   wurde   Wien   zu   einem   europäischen   Zentrum   für modernen     Tanz.     Dem     kam     auch     zugute,     dass     die     jungen     Stars     des Ausdruckstanzes     aktiv     die     künstlerisch-     fotografische     Umsetzung     durch aufstrebende   Fotografinnen   in   deren   Ateliers   und   die   Präsenz   in   der   Presse suchten.   Allerdings   gab   es   in   den   Jahren   vor   dem   ersten   Weltkrieg   nur   sehr wenige Fotografen, die regelmäßig und professionell Tanzaufnahmen machten. In   diesen   neuen   Bewegungsstudien   wurde   das   klassische   Schauspielerportrait, eingefahren   in   Posen   und   Inszenierung,   aufgebrochen.   Dabei   gab   es   auf   der einen     Seite     die     Ateliers     -     darunter     das     Atelier     d`Ora     –     die     am kunstfotografischen   Programm   des   Piktorialismus   festhielten.   Angelehnt   auch an     den     Impressionismus     beinhaltete     dieses     beispielsweise     eine     starke Weichzeichnung,    was    einen    sehr    "malerischen"   Ausdruck    den    Portraitierten verlieh.    Daneben    gab    es    Künstler,    die    eine   Annäherung    an    die    modernen Fotoströme   der   20er   Jahre   suchten,   indem   sie   Elemente   der   neuen   Sachlichkeit -   mit   einer   Rückbesinnung   auf   Gattungsgrenzen   wie   das   Stillleben,   oder   eine neu   entwickelte   formale   Sprache   mit   klarem   Bildkonzept   –   in   ihre   nüchternen Sichtweise miteinbezogen. Trude   Fleischmann   -   als   bekannteste   Vertreterin   -   hielt   in   ihren   Aufnahmen damit   nicht   Stand   oder   Klasse   des   Portraitierten   fest,   sondern   das   Individuelle eines   Gesichtes,   Gesten   oder   auch   Blicke.   Das   bisher   klassisch   vorherrschende Brustbild     wurde     durch     verschiedenen     Inszenierungen     erweitert.     In     den Blickpunkt   geriet   der   gesamte   menschliche   Körper   für   Tanz-   und   Aktbilder.   Die Umsetzung       der       neuen       Sachlichkeit       zeigt       sich       auch       in       der
Hintergrundgestaltung,    die    meist    aus    weißen    oder    schwarzen    Flächen bestand.   Diese   Einfachheit   ermöglichte   es   Trude   Fleischmann      auch,   die Körperstudien mit der Tänzerin Claire Bauroff umzusetzen. Portrait    und    Mode,   Tanz    und   Theater    sind    die    bevorzugten   Themen    der Fotografinnen.   Die   Aufträge   kommen   aus   den   Kreisen   der   gutbürgerlichen Gesellschaft   in   Wien,   nach   der   Hyperinflation   der   frühen   Zwanziger   Jahre beginnt   sich   die   Wirtschaft   und   der   Schilling   zu   stabilisieren.   Durch   den Zerfall   der   Monarchie   im   ersten   Weltkrieg   kam   es   bekanntermaßen   zu   einem starken   Wandel   der   Gesellschaft,   der   Wirtschaft   und   damit   auch   zu   der weitverbreiteten   Einschätzung,   dass   sich   die   Beziehung   der   Geschlechter geändert   hatte.   Mit   der   Veränderung   der   Geschlechterrolle   der   Frau   ging auch   eine   Veränderung   des   Erscheinungsbildes   einher:   das   Korsett   wurde gesprengt,   die   Zöpfe   abgeschnitten   und   die   Reifröcke   weggeworfen.   Die   Frau sehnte     sich     nach    Androgynität     deren     äußere     Zeichen     der     Bubikopf, Herrenhosen, Schlips und Zigarettenspitz waren. Aber    neben    der    Mode    änderte    sich    vor    allem    das    Bewusstsein    für    den weiblichen   Körper,   es   entstanden   neue   gesellschaftliche   Tänze   und   neue Tanzformen.   Bei   der   Frau   entstand   eine   neue   Begeisterung   für   Tanz   und Bewegung.     Die     allgemeine     Entdeckung     des     Körpers     und     sportliche Betätigungen   waren   ein   Phänomen   der   20er   Jahre.   Der   weibliche   Körper   war kein   Tabu-Thema   mehr. “   (Mag.   Arbeit   von      Eva   Semmler-Bruckner,   Wien 2013)   Die   Betonung   der   Bewegung   und   die   Konzentration   auf   das   Vergnügen dabei    charakterisierten    den    neuen    Gesellschaftstanz.    Tänzerinnen    wie Josephine    Baker    trugen    mit    ihren    Ausdrucksformen    zu    einer    neuen Wahrnehmung   der   Frau   bei,   sie   zeigten   was   zwischen   Erotik   und   Ekstase alles möglich war.“
Claire      Bauroff,      portraitiert      von      Trude Fleischmann. Foto: mumok
In   diesem   zeitlichen   Kontext   muss   man   die   „Freizügigkeit“   der   entstandenen Bilder   betrachten,   nicht   nur   die   Tänzerinnen   ließen   sich   in   selbstbewussten Posen   ablichten,   auch   die   Fotografinnen   beschritten   neue   Wege.   Bis   dahin konnte   das   Publikum   leicht   bekleidete Tänzerinnen   nur   in   den   Varietés   sehen, der   Ausdruckstanz   im   Gegensatz   dazu   sollte   als   Kunstform   etabliert   werden. Dabei   stand   der   Körper   als   Ausdrucksträger   des   seelisch   –   geistigen   Erlebnis im   Zentrum,   die   natürlichen   Funktionen   und   Bewegungsabläufe.   Das   Ziel   war es,   die   innere   Bewegtheit   durch   Bewegung   auszudrücken.   Es   kam   zu   einer Neuinterpretation der weiblichen Körperbilder:  Die     Erotik     verlor     an     Bedeutung     und     diese     Vorstellung     wurde     vom naturverbundenen,   sportlichen   und   gelenkigen   Frauentyp   abgelöst.   Das   Ziel war     es,     wieder     zu     einer     natürlichen     und     naturnahen     Lebensweise zurückzukehren.   Diese   Ideologie   des   neuen   Körpergefühls   war   eng   verbunden mit   den   gesundheitlichen   Aspekten   des   Nacktseins   in   der   Natur.   Dabei   durfte diese    Freizügigkeit    natürlich    nicht    mit    freizügiger    Sexualität    verwechselt werden   –   Claire   Bauroff   ging   noch   einen   Schritt   weiter:   Ihren   Körper   empfand sie   als   geeigneten   und   schönen   Träger   des   Ausdruckes   und   der   Kunst   und diente nicht der „Animierung des Publikums“. Auch   die   traditionelle   Kleiderordnung   des   Balletts   wurde   in   Frage   gestellt, die   herrschaftliche   Etikette   wurde   gegen   nackte   Füße   und   spärlich   bekleidete oder   ganz   nackte   Körper   getauscht.   Isadora   Duncan   war   eine   der   ersten,   die mit    transparent    wallenden    Gewändern    und    barfüßig    tanzte,    bis        zu    den skandalösen   Auftritten    von   Anita    Berber    in    den    20er    Jahren:    Sie    trank,
prügelte    sich,    nahm    Morphin    und    Kokain,    und    es    entstanden    zahlreiche Aufnahmen   im Atelier   der   Madame   d`Ora.   Die   davor   genannte   Isadora   Duncan war   Pionierin   des   freien Tanzes   um   die   Jahrhundertwende. Aus   ihren   großteils politischen   Choreografien   entwickelten   sich   viele   Tänzerinnen   und   wurden   in den   20er   und   30er   Jahren   sehr   populär.   Viele   von   ihnen   gründeten   auch eigene   Tanzschulen   und   arbeiteten   als   selbständige   Choreografinnen:   Grete Wiesenthal,    Gertrud    Bodenwieser    und    Rosalia    Chladek    aber    auch    Valeria Kratina, Gertrud Kraus und Hilde Holger. Die   Schau   im   Theatermuseum   veranschaulicht   die   Vielfalt   und   Dichte   einer von   Frauen   bestimmten   Tanzszene   mit   einer   reichen   Auswahl   an   Fotografien und   Videos.   Die   Ausstellung   selbst   führt   den   Besucher   durch   drei   Bereiche: Der   Eingangsbereich   ist   Rosalia   Chladek   gewidmet.   Ein   Kostüm   der   Tänzerin veranschaulicht    neben    den    Fotografien    der    Künstlerin    das    Greifbare    der Ausstellung,   leider   bleibt   es   ein   Einzelstück.   Gerade   das   Stoffliche   holt   den Besucher ab und nimmt ihn mit. Die    Schau    erfreut    durch    viele    bekannte    Fotografien    –    die    man    als Interessierter   bis   dato   nur   aus   Büchern   kannte,   sie   zeigt   eindrücklich   auch die Aufbruchstimmung   der   Zwanziger   Jahre.   Die   Dichte   der   Exponate   und   der Hängung   verwirren   manchmal   und   lassen   die   Konzentration   auf   die   einzelnen Schaustücke    schwinden.    Aber:    jedenfalls    lohnt    der    Besuch,    der    einen repräsentativen    Abriss    der    tänzerischen    und    fotografischen    Ästhetik    des ersten Viertels des vorigen Jahrhunderts in Wien zeigt. 
Ein   who   is   who   der   Tanzszene   in   Wien   der   Zwanziger   Jahre   -   von   links:   Isadora   Duncan,   Gertrud   Kraus   in   „Wodka“,   1924   und   Rosalia   Chladek   in   „Jeanne d`arc“, Stokholm 1938.
Isadora           Duncan, Tanzpädagogin      und Choreografin          mit wallendem    Gewand. Quelle: Wikipedia