Der Mürztpanther

Der  Kunstpanther

Venedig

Der Konsum

Es ist eine Welt der großen Gegensätze: Einerseits noch elegantes Handwerk, Stoffe, Schuhe, ausgefallene und traditionelle Glasverarbeitung, Kaffeeröstereien und eine fantastische Küche, ursprüngliche Verkleidungen - folgend der Tradition der Halbmasken, die commedia dell`arte nachzuempfinden - oder auch Fischfang, Handel, Schmuckerzeugung und Musikinstrumente.

Auf der anderen Seite überwiegen - thematisch genau an den selben Verkaufsinhalten orientiert - die Billighersteller, meist aus weit entfernten Ländern. Natürlich erkennt man im Verhalten der Konsumgesellschaft nichts Neues in Venedig, es sticht in diesen teils sehr engen Gassen nur deutlicher heraus.

Und doch scheint gerade Venedig zu animieren, einzukaufen. Wenn ich dann eine Kirche betrete, die eine Darstellung der Geburt Christi zeigt - wie unten aus Ss. Giovanni e Paolo - in all seiner räumlichen Bescheidenheit und Kargheit - eingebettet in einen Korb - wird man sich der Wertigkeit dieses Ramsch wieder bewusst. Die Erinnerung an eine Stadt darf nicht an Plastik hängen. Es darf der Geruch nach Meer, nach Fischmarkt, das Rufen der Arbeiter in den dunklen und enger werdenden Gassen sein, der Geschmack nach Polenta mit Kutteln, oder auch die Stimmung des Lichtes in einer dieser fantastischen Kirchen mit den beeindruckenden Kunstwerken.

Das Licht

So ist das Leben hier mit viel Kommunikation.

Und so ist das Licht hier - mit vielen Facetten durch die baulichen Strukturen im steten und schnellen Wandel der kurzen Tage im Winter. Die Wellenlänge des Lichtes der untergehenden Sonne betont die teils warmen Farben der Fassaden. Sie sind oft rot oder gelb, sand - oder ziegelfarben und beginnen zu leuchten. Das ist jener Zeitpunkt, an dem ich keinen Platz mehr vor lauter „selfiemachenden Individualtouristen“ auf den Brücken sehe - ich ziehe es aber ohnedies vor, weiterzugehen.

Natürlich wirkt sich die Lichtsituation, wenn die Sonne zu dieser Zeit sehr flach hereinfällt, auch auf die Innenräume aus, die architektonisch genutzt und teils raffiniert geführt wird. Wenn Sie unten die Fotogalerie aufmerksam betrachten, wird ihnen auch auffallen, dass Venedig an klaren Tagen den Blick auf die Berge freigibt. Daneben Ansichten von:

S. Giacomo dell`Orio, S. Zanipolo, Museo Correr, Madonna dell`Orto und S. Zaccaria.

Ich bekomme die Antwort eines Kollegen: „Auf dem Platz neben der Brücke über den Kanal bei der Kirche.“ Auf die Frage nach einem Lokal in Venedig. Diese Ortsbeschreibung trifft auf nahezu jede Lokalität zu! So verwinkelt die Antwort klingt - so verwinkelt ist diese Stadt.

Ich gehe am Morgen in eine Bar und bestelle einen Espresso und einen Cappuccino. Der Barista wiederholt: „Un caffè e un cappuccino.“ - Perfavore! Am nächsten Tag gehe ich in die selbe Bar, der selbe Barista. Ich bestelle „Un caffè e un cappuccino.“ Er wiederholt: „Un espresso e un cappuccino.“

Die Tiere

Sie sind es, die das Leben in Venedig mitbestimmen: Monstergroße Ratten in den Kanälen, Chimären und ausgestopfte Zeugen der früheren Entdeckungsreisen. In Stein gehauen oder als präparierte Zeugen ausgestorbener Spezies im Museo di Storia Naturale.

Näherliegend: Nahrungs und Genussmittel auf Märkten. Die Möwen, die sich in elegantem Flug und Manövern dem Fisch - und anderen fressenswerten Resten einer Stadt nähern! Sie bestimmen nicht nur mit ihrem Aussehen die Stadt - auch mit ihren Schreien!

Die Nacht hat ihre eigenen Gesetze, Räuber und andere nachtaktive Geschöpfe bevölkern die Straße. Sie sollten sich ab und zu umdrehen, oder schauen Sie aufmerksam die Fotogalerie an! Auch aus der „Wunderkammer“ des Museums - der etwas andere Blick auf Venedig!

Die Kunst

Es ist selbstverständlich das aussichtsloseste Kapitel von allen. Etwas sinnvolles über Kunst in Venedig zu sagen, ist mir nicht möglich - ausser: Die Welt hat schöneres nicht gesehen. Es ist manchmal ein Detail - es sind die gütigen Augen einer Mutter, die ihr Kind ansieht, es ist das Lachen eines Knäblein, eines putto, das Lichtspiel in den Flügeln einer Chimäre, es ist so unendlich - sowohl die Quantität als auch die Schönheit. Eine Madonna von Vivarini, das Rot von Giovanni Bellini. Es sind die Proportionen einer Kirche, die einzelnen Gliederungen der Palazzi, das Sonnenlicht, das sich am Wasser spiegelt und die lichtgeflutete Kuppel über mir. Oft ist es auch nur das poetische in der Schlichtheit, ein Blick von einer Brücke oder die Farbe im goldenen Mosaik. Es ist die Gewalt der Einfachheit auf Torcello, ein bemalter Holzbalken, es ist das Detail und die Gesamtheit. Es ist der Farbkontrast von rot und blau, von grün und gold, es ist der Blumengarten mit weissen Blüten im Hintergrund einer gotischen Heiligen. Es ist die ruhige Erhabenheit eines Turmes, der sich in die Gebäude fügt und doch dominiert, es ist die bedrückende Kraft der Handhaltung einer Verkündigung von Veronese als auch die stille Eleganz des Faltenwurfes eines Carpaccio.

„Io chiudo gli occhi“ - um mit den Worten von Paolo Conte den Vorhang zu schliessen zu einer Stadt, die nicht ihresgleichen hat. Ich schliesse die Augen in Erinnerung und werde wieder kommen - im Winter!

San Zanipolo, S. Maria dei Miracoli, s. Zaccharia, Madonna dell`Orto, S. Marco, Torcello.

Anhand dieses Bildes kann man sich vorstellen, mit welch großer Freude die Einheimischen den Strom an Besuchern empfangen werden. Nicht nur, dass die Schäden in der Lagune, in der „Konstruktion“ Venedigs und im alltäglichen Leben der Venezianer über einen langen Zeitraum unabsehbar sind, die Einnahmen und die Einwohnerzahl sinken. Das ist eine Schere in der Entwicklung, die einer Stadt, einer Region oder einem Land nicht zugute kommt.

In den Wintermonaten ist man nicht das Krebsgeschwür in der Lunge dieser Stadt, die neun Monate Chemotherapie braucht, um alljährlich wieder atmen zu können. Man wacht morgens nicht in dieser, sondern mit dieser Stadt auf. Die Zustände des Sommers haben wir hinter uns gelassen, es herrscht Leben - venezianisches Leben - in den Straßen. Das unterscheidet sich nicht essentiell von anderen Städten, man sieht und hört es sonst nur nicht. Den Dialekt, den man nur schwer versteht. Die teils leeren Bars, die es ermöglichen in Ruhe einen Kaffee zu nehmen. In Muße Kirchen, Plätze und Museen zu besichtigen oder nur sitzen zu bleiben, am Abend nicht ewig warten zu müssen, einen Negroni zu bekommen. Schlichtweg einfach und unkompliziert. Richtig unprätentiös; so als ob das Defilee an Unsinnigkeiten des modernen Tourismus innehält. Und sich nicht der Tourist in einer Stadt erholt, sondern die Stadt vom Tourismus.

Wir eröffnen das Theater in vier Kapiteln mit „Der Konsum“. Es folgen „Das Licht“, „Die Tiere“ und „Die Kunst“. Allerdings soll dies lediglich aufzeigen, wie entspannt diese wunderbarste Stadt sein kann.

Ein klein wenig fühle ich mich wie Venedig: Schmalste Gassen münden auf Plätze, die dann plötzlich enden.  Es ist wie das Leben selbst, es tun sich auch plötzlich neue Blickwinkel auf: Auf Brücken an Kanälen bei den Kirchen. Auf Lichter, auf Nächte ... Für Viele ist Venedig die hektischste Stadt der Welt. Sie rennen durch die Gassen, calle, sotoportheghe, rame, und wie sie immer auch benannt sind, machen Fotos, verirren sich in Kirchen und machen Fotos. Sie haben nur vier Tage Zeit, viel ist zu erledigen. Wie eine Einkaufsliste wird das Programm Punkt für Punkt abgearbeitet. Danach:  Kultur- Burnout. Kein Wunder, denn das Leben, das es in dieser Stadt aber auch wirklich gibt, dringt nicht durch. Ein Jazzkonzert, eine ombra - und nicht weil man eine trinken muss - gehören zu dieser Stadt wie das Boot, dass die Kanäle entleert und dadurch einen nicht gerade bekömmlich lagunenartigen Geruch verströmt. Das feine Gesicht der Bellini - Madonna bei der "Presentatione di Gesù al tempio" im Palazzo Querini. Ich möchte Ihnen nur soviel Lebensart zeigen, um zu erreichen, Venedig nicht als Museum zu sehen.

Venedig erzeugt Gedanken und Eindrücke, die wie trunken sind: Herabhängend, monumental und skulptural wie die Vorhänge der großen Kaffeehäuser am Markusplatz. In Stein gemeißelt. Den Sinn erfragt man nicht. Bewegung und Stehenbleiben verleiten: Wozu? Beantworten Sie sich die Frage selber und folgen Sie mir in einen Traum von einer Woche, der niemals ein Ende findet. Wir drehen mit den Möwen ein paar Runden über den Markusplatz, vorbei an all den wunderbaren Baudenkmälern. Nein: Venedig begleitet Sie ein Leben lang, Farben so schwer wie rot. Stimmungen so kräftig wie ein Sonnenaufgang und Gefiederte so aggressiv wie Gierige. Ich habe versucht die Sehenswürdigkeiten, "Sehenskostbarkeiten" sollten sie in dieser Stadt heißen - für Sie einzufangen: Die Kirchen Palladios, Il redentore, S. Francesco della vigna (mit der unglaublich schönsten Rosengartenmadonna!!!) die Seufzerbrücke, den Platz, die Nächte. S. Giorgio, der Campanile, Sta. Maria Salute, Mode und Schuhe. Vivarini, die Frari, Tura, San Zanipolo, Tizian, wieviel Negroni und Kirchen, wieviel Schönheit, wie oft Venedig verträgt der Geist?

Geben Sie sich die 7 Minuten, die dieser Rundgang in Begleitung von Rose - Sängerin eines Jazzabends im Bauer dauert und bitte: Genießen Sie, schauen Sie und entdecken Sie.


Auch das Filmchen darüber gehört dazu: Durchaus eine zweifelhafte Aussage, die Frage nach dem Sinn, die von der Tonspur angeregte Phantasie. Nacht in Venedig 2018.

… und das Jahr davor …