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HERBST BUCH ERNTE Das   sind   drei   Worte,   die   eng   miteinander   zusammenhängen.   Für   mich   jedenfalls.   Denn   ich   beschäftige   mich seit   ca.   15   Jahren   mit   einem   Geheimnis,   das   offenbar   nicht   allzu   leicht   zu   lüften   ist.   Die   Bestimmung   einer alten   Apfelsorte.   Die   Früchte   wachsen   quasi   vor   meiner   Nase,   gleich   beim   Eingang   zu   meinem   Haus.   Manches Jahr   sind   es   unfassbar   viele   Äpfel,   die   der   Baum   trägt,   manchmal   sind   es   nur   ein   paar   wenige,   vereinzelte.   Süß werden sie fast immer. Noch dazu ist es ein klassischer „Lagerapfel“, der erst im Winter richtig gut wird … Sonst   kann   ich   ihn   beschreiben   mit:   er   wächst   sich   zu   einer   runden   Form   aus,   die   leicht   abgeflacht   ist,   die Farbgebung ist ein gesundes rot, das farbmäßig überwiegt und sich in den grünen Anteil einsprenkelt. Was   aber   halten   Sie   von   dieser   Beschreibung?   „ Sehr   großer,   kugelförmiger,   von   Ansehen   schöner   Apfel.   Kelch und   Stielwölbung   sind   fast   gleich.   Die   Schale   ist   glatt,   abgerieben,   glänzend,   vom   Baume   grün,   bei   voller Reife   hell   zitronengelb.   Die   Sonnenseite   sehr   schön   carmoisinroth,   gestreift   und   getuscht.“    Daneben   werden Fleisch,   Kernhaus,   Kelchröhre,   reife   und   Nutzung   und   vieles,   vieles   mehr   beschrieben.   Aber:   Es   ist   kein Bestimmungsbuch,   denn   man   müsste   schon   wahrlich   ein   Chef-   Pomologe   sein,   um   anhand   dieses   wunderschön gestalteten Buches über historische Obstsorten zielsicher eine alte Sorte zu erkennen! Im   Haupt   Verlag   erschienen   ist   vor   kurzem   der Titel:   „ Von   edlen,   süßweinartigem   Zuckergeschmacke “,   der   sich historischcen   Obstsorten   widmet,   die   mit   den   künstlerischen Arbeiten   der   Obstsortenmaler   Salomon   Bühlmeier und Heinrich Rottensweiler illustriert sind. So süß wie die Früchte ist die Lektüre dieses Buches …
Diese   zwei   genannten   Maler   zählen   zu   den   bedeutendsten   Illustratoren   ihrer   Zeit:   im   19.   Jahrhundert   haben sie   in   der   Schweiz   gewirkt. Anfänglich   könnte   man   beim   schnellen   Durchblättern   dieses   Bandes   der   Illusion   von Fotografie   anheim   fallen.   Die Abbildungen   bringen   eine   „Realitätsqualität“,   besser   eine   „Naturtreue“   mit   sich, die   unglaublich   neugierig   macht.   Neugierig   darauf,   die   Aquarelle   genau   zu   betrachten,   die   Details   zu   er- kennen,   die   Farbgebung   näher   zu   studieren.   Erstmals   werden   in   diesem   Werk   100   dieser   über   145   Jahre   alten Obstsortenbilder   veröffentlicht   -   schon   das   ist   eine   kleine   Sensation!   Marianna   Carruzzo-Dünnenberger,   Mit- glied   im   Verein   Botanische   Kunst   Schweiz   meint   knapp   dazu:   „ Die   Bilder   sind   einfach   nur   großartig,   mit   ihrem Können   wären   sie   auch   heute   nicht   zu   übertreffen.“    Dem   ist   nichts   hinzuzufügen,   außer:   Dem   Haupt   Verlag   ist wieder   einmal   ein   großartiges   Werk   gelungen.   Selbst   wenn   man   nicht   Schweizer   ist,   selbst   wenn   man   nicht Pomologe ist!
Neben   den   Abbildungen   stechen   natürlich   auch   die   historischen   -   sprachlich   blumigen   -   Beschreibungen   der Obstsorten   hervor.   Wenn   ich   von   Obstsorten   in   der   Mehrzahl   spreche:   Man   findet   Vertreter   der   Äpfel,   Trauben, Pflaumen,    Birnen    und    Kirschen.    Formulierungen    wie:    „ …    einzelne    gelbgraue    Warzen    und    schwärzliche Rostflecken   finden   sich   an   jeder   Frucht;   Punkte   etwas   erhaben,   zerstreut,   in   der   Röthe   weißgrau,   in   der Grundfarbe   dunkler,   bei   minder   besonnten   Früchten   sind   sie   in   der   Röthe   dunkelroth   umringelt   und   haben   auf der   Schattenseite   einen   grünen   Hof. “   Jeder   Apfel   eine   Farbenlehre.   Und   so   folgt   man   alphabetisch   den   alten Sorten,   vom Albiser Apfel   bis   zur   Pariser   Gutedel.   Es   ist   ein   Streifzug   durch   die   Kunstgeschichte,   genau   so   wie durch    alte    Sorten,    es    ist    ein    Streifzug    durch    landwirtschaftliche    Nutzung    wie    auch    durch    eine    längst vergessene Sprache. Pomologie vereint halt so viel - und nicht erst durch das Veredeln im Brand! Natürlich   wird   der   Bogen   auch   in`s   Heute   gespannt,   wie   Sorten   beschrieben   werden,   wie   sich   die   pomo- logische   Terminologie   gewandelt   hat,   welche   Kriterien   in   der   modernen   Obstzüchtung   erforderlich   sind.   Dafür stehen   auch   die   zwei   Autoren:   Beatrice   Gut,   deren   besonderes   Interesse   der   Erhaltung   und   Nutzung   alter Obstsorten   gilt   und   Jakob   Schierscher,   Obstzüchter   und   Pomologe.   Denn   Gewinn   zieht   der   Leser   aber   eindeutig aus   den   herausragenden   und   gefälligen   Illustrationen,   ein   wunderschön   gestalteter   Band,   der   den   Käufer   viele Jahre hindurch nicht nur im Herbst erfreuen wird. Diese Neuerscheinung ist mehr als nur eine Empfehlung!
Mit diesem Buch ist die Vorfreude auf die länger werdenden Abende noch größer: „Von edlem, süßweinartigem Zuckergeschmacke“. Und ja: auch unter einem Baum macht sich dieser Band besonders gut, unter einer Tanne, genannt Christbaum. Erschienen im Haupt Verlag, 232 Seiten, 100 historische Zeichnungen, Format 27 x 23cm. ISBN: 978-3-258-08447-3 Foto: der MÜRZPANTHER
Links: Ein Beispiel der Naturnähe der gemalten Darstellungen aus dem Buch. Rechts: Mein fotografierter Apfel direkt vom Baum - könnte es ein Blauapfel sein?