der muerzpanther
HOPFEN IST KULTUR! Die   meisten   Österreicher   verbinden   mit   Hopfen   einen   wichtigen   Inhaltsstoff   in   Bier.   Dort   verleiht   er   dem Getränk   den   etwas   bitteren   Geschmack   und   verleiht   ihm   Noten   von   Kräutern   oder   Gewürzen   und   vielem   mehr. Aber   bereits   seit   dem   12.   Jahrhundert   weiß   man   auch,   dass   sich   Hopfen   neben   vielen   anderen   Effekten   positiv auf   die   Darmflora   auswirkt.   Ausschlaggebend   dafür   sind   viele   Polyphenole   wie   Flavonoide   und   Phenolsäuren, die zu den Antioxidantien gehören und die vor Entzündungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs schützen. In   Österreich   gibt   es   einen   Verein,   die   Forschungs-Plattform   Phytopharmaka   und   Naturstoffe   Österreich   oder Herbal   Medicinal   Products   Platform Austria   (HMPPA),   der   sich   der   Erforschung   und   Entwicklung   von   pflanzlichen Arzneistoffen   verschrieben   hat   und   die   gewonnenen   Erkenntnisse   zugunsten   der   Patientinnen   und   Patienten nach   modernsten   wissenschaftlichen   Standards   umsetzt.   Zu   ihrem   Tätigkeitsfeld   gehört   auch   die   Wahl   zur Arzneipflanze   des   Jahres.   Diese   fiel   heuer   auf   den   Hopfen.   Humulus   lupulus,   so   der   lateinische   Name,   weist   ein breites pharmakologisches Wirkprofil auf. Der   MÜRZPANTHER   hat   mit   Assoc.   Prof.   Dr.   Christian   W.   Gruber   von   der   Medizinischen   Universität   Wien   und Vizepräsident der HMPPA gesprochen, um mehr über diese Pflanze zu erfahren.
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dMP:   Wird   zur   Zeit   geforscht,   welche   Wirkung   Hopfen   tatsächlich   entwickeln   kann?   Die   Wirkungen,   die angeführt sind, klingen ja beinahe nach einem Wundermittel! Prof.   Christian   Gruber:   Ja,   es   gibt   Forschungsteams,   die   sich   mit   den   Hopfeninhaltsstoffen   und   deren   Wirkung beschäftigen.   Für   beruhigende   und   schlaffördernde   Effekte   liegen   gute   Daten   vor,   viele   weitere   Wirkungen   sind bislang vor allem experimentell untersucht und noch nicht klinisch gesichert. dMP:   Hat   die   breite   Wirkung   der   Bitterstoffe   Parallelen   zu   jenen,   die   auch   medizinischer   Hanf   aufweist   –   sie gehören auch zur selben botanischen Familie!       Prof.   Christian   Gruber:      Die   Inhaltsstoffe   und   Wirkungen   von   Hopfen   unterscheiden   sich   grundsätzlich   von   jenen des Cannabis, auch wenn es einige Überschneidungen gibt. Eine   interessante   HMPPA   Monografie    von   Prof.   Stuppner   zeigt,   dass   Hopfen   ein   breites   pharmakologisches   Wirk- profil   aufweist.   Am   besten   belegt   sind   Effekte   auf   Schlaf-   und   Angststörungen,   sowie   auf   Beschwerden   während der   Menopause. Andere   Wirkungen,   etwa   antibakterielle,   entzündungshemmende,   metabolische,   neuroprotektive oder   antikanzerogene   Effekte   sind   überwiegend   experimentell   beschrieben.   Hopfen   wirkt   beruhigend,   schlaf- fördernd   und   angstlösend.   Deswegen   liegt   der   phyto-therapeutische   Schwerpunkt   in   der   Behandlung   leichter Schlafstörungen   und   nervöser   Unruhe   (Anm.:   Phytotherapie   ist   die Anwendung   von   Pflanzen,   Pflanzenteilen   oder deren Zubereitungen). dMP:   Es   gibt   weltweit   über   300   Sorten   Hopfen   für   den   unterschiedlichsten   Einsatz   –   beinhaltet   auch Humulus lupulus diese Wirkstoffe?                                                     Prof.   Christian   Gruber:   Humulus   lupulus,   die   Arzneipflanze   des   Jahres   2026,   beinhaltet   die   für   die   Wirkungen verantwortlichen   Inhaltsstoffe   die   polyphenolischen   Verbindungen   bzw.   Prenylflavonoide   und   Bitterstoffe;   Sorte, Herkunft,   Ernte   und   Extraktion   bestimmen   den   Gehalt   der   einzelnen   Stoffe.   Das Arzneibuch   schreibt   vor,   welche Qualitätsstandards (d.h. Menge an bestimmten Inhaltsstoffen) zu erfüllen sind. In   welchem   Teil   der   Pflanze   befinden   sich   aber   diese   Inhaltsstoffe?   Die   wirksamen   Inhaltsstoffe   des   Hopfens   be- finden   sich   vor   allem   in   den   Drüsenhaaren   der   weiblichen   Blüten.   À   propos:   Hopfen   ist   eine   zweihäusige   Pflanze, d.h.   dass   männliche   und   weibliche   Blüten   auf   getrennten   Pflanzen   auftreten.   Zum   Bierbrauen   werden   nur   die weiblichen   Pflanzen   genutzt,   die   durch   vegetative   Vermehrung   vervielfältigt   wird.   Vegetativ   heißt,   dass   sie   nicht durch   Befruchtung   (generative   Vermehrung)   vermehrt   wird,   sondern   dass   durch   beispielsweise   Stecklinge   idente Pflanzen entstehen. .
Prof.   Chlodwig   Franz,   ebenfalls   im   Präsidium   der   HMPPA   meint   erläuternd   dazu: Als   „Sorte“   bezeichnet   man   eine gezüchtete   Kulturform   einer   Pflanzenart,   sie   (1)unterscheidet   sich   in   einem   oder   mehreren   (äußeren)   Merkmalen von   den   anderen   Sorten   derselben   Art,   (2)   ist   einheitlich   und   (3)   ist   stabil   in   den   Merkmalen   über   mehrere Generationen   (über   Samen   vermehrt   oder   verklont,   d.h.   über   Stecklinge   vermehrt).   Die   erwähnten   über   300 Hopfen-Sorten   gehören   also   alle   zur Art   Hopfen   (Humulus   lupulus),   sehen   ähnlich   –   aber   nicht   in   allen   Merkmalen gleich   –   aus   und   haben   prinzipiell   die   gleichen   Inhaltsstoffe   bzw.   Stoffgruppen.   Es   gibt   jedoch   auch   innerartliche chemische   Vielfalt   (sog.   Chemotypen)   und   damit   Sorten,   die   einmal   die   eine   Substanz   oder   Stoffgruppe,   einmal eine    andere    verstärkt    ausbilden.    Demnach    können    Hopfensorten    auch    unterschiedliche    Geschmacks-    bzw. Wirkungs-Schwerpunkte haben.  dMP:   Sind   die   Wirkungen   nicht   bereits   lange   Zeit   bekannt?   Leonhard   Fuchs   beschreibt   bereits   in   der   ersten Hälfte    des    16.    Jahrhunderts:    „Hopfen    reinigen    das    Blut“    (antibakteriell,    entzündungshemmend),    „Sie verzehren   auch   allerley   Geschwulst“   (antikanzerogen)   „Treibt   kräftig   den   Stuhlgang“   (metabolisch)   „Der Hopf   eröffnet   auch   die   Mutter“   (Wirkung   in   der   Gynäkologie   –   Menopause).      (Anm.:   Aktuelle   Untersuchungen weisen      auf   eine   Reihe   weiterer   potenzieller   Anwendungsgebiete   hin.   Informationen   dazu   finden   Sie   in   der Monografie Hopfen  von Prof. Stuppner.      Prof.   Christian   Gruber:   Das   Studium   der   Naturstoffe   und   seiner   Wirkungen   hat   lange   Tradition;   bereits   im   alten Ägypten   (ca.   1550   v.   Chr.)   wurden   Arzneimittelrezepte   unter   anderem   aus   Heilpflanzen,   im   sog.   ‚Papyrus   Ebers‘ gesammelt und niedergeschrieben. Prof.   Chlodwig   Franz:   Heute   wissen   wir   jedoch   wesentlich   mehr   über   die   Hintergründe   dieser   alten   Beschrei- bungen und können Symptome, Wirkung und Wirksamkeit besser erklären. dMP:   Wie   entfaltet   Hopfen   die   beste   Wirkung?   Roh,   gekocht,   verarbeitet?   Welche   Konzentrationen   sind   in der Pharmakologie üblich?                                                                Prof.   Christian   Gruber:   Als   standardisierte   Zubereitung   laut   Arzneibuch;   Hopfenzapfen   können   in   Form   eines Tees,   der   gepulverten   Droge,   als   Tinktur,   Flüssig-   oder   Trockenextrakt   eingenommen   werden.   Für   die   Teezu- bereitung   werden   0,5 g   Droge   mit   150–200 ml   Wasser   als   Infus   zubereitet.   Pro Tag   können   bis   zu   4 Tassen   getrun- ken   werden. Als   Schlafhilfe   30   bis   60   Minuten   vor   dem   Schlafengehen   1   Tasse   trinken.   Bessern   sich   die   Beschwer- den   innerhalb   von   zwei   Wochen   nicht   oder   verschlimmern   sie   sich,   sollte   ärztlicher   Rat   eingeholt   werden.   Das HMPC   (Anm:   Committee   on   Herbal   Medicinal   Products   der   Europäischen   Arzneimittelagentur)   empfiehlt   die Verwendung   von   Hopfenzapfen   als   Tee   erst   ab   einem   Alter   von   12   Jahren.   Schwangeren   und   stillenden   Frauen wird   aufgrund   fehlender   Daten   von   einer   Anwendung   abgeraten.   Bei   einer   bekannten   bestehenden   Allergie gegenüber einer im Hopfen enthaltenen Substanz sollte kein Hopfenpräparat eingenommen werden. dMP: Wie wird Hopfen zeitgemäß in der ärztlichen Praxis angewendet?                         Prof.   Christian   Gruber:   Hopfen   wird   als   traditionelle   Heilpflanze   verwendet.   Das   HMPC   bewertete   Hopfenzapfen als   traditionelles   pflanzliches   Arzneimittel   und   empfiehlt   ihre   Anwendung   aufgrund   langjähriger   Erfahrung   zur Besserung   leichter   Symptome   von   Stress   und   als   Schlafhilfe.   Es   gibt   derzeit   keine   pharmakologischen   Zuberei- tungen,   in   denen   der   Hopfen   oder   deren   Inhaltsstoffe   in   evidenzbasierten   Studien,   wie   z.B.   für Arzneimittel   üb- lich, überprüft wurde. dMP: Herzlichen Dank für das Interview!
Hopfen wird im Anbau zwischen 6 und 8 Metern hoch. Die Pflanze erreicht eine Lebensdauer von bis zu 50 Jahren. Die Hopfendolden (rechts im Bild) entstehen, nachdem der Hopfen geblüht hat: das nennt man Ausdoldung. Fotocredit: pixabay
In dieser wunderschönen Faksimile Ausgabe des New Kreüterbuch (Taschen Verlag) von Leonhart Fuchs ist auch im Kapitel „Die Heilpflanzen von Fuchs in der modernen Phytotherapie eigens erwähnt: Hopfenzapfen, Drüsenschuppen, Extrakt. Tee zur Appeteitanregung (Bitterstoffe!), Extrakte zur Beruhigung und bei Schlafstörungen.  Bildgestaltung: der MÜRZPANTHER