der muerzpanther
VON A BIS Z. VON AKT BIS ZIRKULATION. Was    macht    eine   Ausstellung    zu    einer    richtig    guten   Ausstellung?    Zunächst    einmal:    ein interessantes   Thema.   Weiters:   viele   neue   Exponate.   Und:   eine   ansprechende   und   schlüssige Präsentation.   Diese   Faktoren   treffen   im   Leopold   Museum   wie   selten   zuvor   aufeinander.   Die durchgehend   gelungene Ausstellung   im   Grafischen   Kabinett   ist   in   diesem   Sommer   dem   Foto- grafischen   Kunstverlag   Otto   Schmidt   gewidmet,   der   um   1900   als   einer   der   bedeutendsten europäischen   Produzenten   für   Vorlagenstudien   in   Wien   galt.   Die   Ausstellung,   die   zur   Zeit unter   dem   Titel   GESCHÄFTE   MIT   KOPIEN   noch   bis   Ende   August   zu   sehen   ist,   ist   jedenfalls einen   Besuch   wert.   Vom   Detail   zum   großen   Ganzen   begeistert   die   wohlsortierte,   breite Fächerung   der   fotografischen   Motive   -   von   Handstudien   über   die   Wiener   Typen ,   Natur-   und Landschaftsstudien   bis   hin   zur   Aktfotografie   -   genauso   wie   die   Darstellung   der   Vielfalt   an Umsetzung und Vermarktung am Ende des 19. Jahrhunderts. Der    Fokus    liegt    auf    den    Prozessen    der    Produktion,    Zirkulation    und    Konsumtion.    Diese Aspekte   mitzunehmen   bereichert   die   qualitätsvolle   Sichtweise   der   von   Michael   Ponstingl vom    Photoinstitut    Bonartes    kuratierten    Ausstellung    ungemein    und    ermöglichen    dem Besucher   den   umfangreichen   Einblick,   wie   mit   dem   Medium   Fotografie   in   einer   interessan- ten   Zeitspanne   umgegangen   wurde.   Die   Bilder   werden   sorgsam   und   übersichtlich   in   Schau- kästen   präsentiert.   Daneben   ist   auch   ein   einmaliger   Kurzfilm   zu   sehen   -   Der   Traum   des Bildhauers    -   und   ein   Stereoskop,   mit   dessen   Hilfe   auf   einfachster   technischer   Basis   ein unglaublicher   3-D   Effekt   der   Fotografien   erzeugt   wird.   Über   das   Konzept   und   die   Details   hat der MÜRZPANTHER mit dem Kurator Michael Ponstingl gesprochen. Foto   auf   der   home   Seite:   Eduard   Büchler:   Aktmusterblatt   um   1905,   Ausschnitt,   Silbergelatinepapier, Carte de cabinet (14 × 10 cm), Photoinstitut Bonartes, Wien
 NACH OBEN NACH OBEN
OTTO SCHMIDT, Handstudie # 7, 1889 Albuminpapier, Quartformat (18 × 24 cm); Photoinstitut Bonartes, Wien Foto: Photoinstitut Bonartes, Wien
Die   Ausstellung   beginnt   mit   einem   raffinierten   Detail   (in   einer   verglasten   Nische)   -   eine originale   Vase,   die   als Accessoire   auf   den   ausgestellten   Fotografien   abgebildet   ist   -   danach beginnt   sich   der   Bogen   mit   einem   ästhetischen   und   klaren   Blick   über   die   Entwicklung   der Berufsfotografie   in   der   zweiten   Hälfte   des   19   Jahrhunderts   zu   spannen.   In   den   1860-er Jahren   entstand   durch   die   rasch   wachsende   Zahl   der   Fotoateliers   ein   umkämpfter   Markt   um neue   Themen   und   Formate:   Statt   wenige   Exemplare   einer Aufnahme   an   Kunden   zu   verkau- fen,   entstanden   Kopien,   Sammelbilder,   die   über   Verlage   in   den   Handel   kamen.   Der   in   Thür- ingen   geborene   Otto   Schmidt,   selbst   Fotograf,   wurde   zu   einem   der   erfolgreichsten   Verleger seiner   Zeit   -   in   Wien.   Seine   fotografischen   Werke   -   darunter   mehrere   Serien   zu   Wiener Typen (ab 1873) - veröffentlichte er erfolgreich zuerst als fotografische Sammelbilder, später als Postkarten, heliografische Einzelblätter, in Zeitschriften, Büchern und Mappenwerken. dMP: Welche Herangehensweise legten Sie der Ausstellung zugrunde? Michael   Ponstingl:   Die Ausstellung   nimmt   den   Reproduktionsprozess   in   den   Blick.   Das   heißt, es   geht   um   die   drei   großen   Prozesse   Produzieren    -   unterteilt   in   fotografieren,   edieren   und     reproduzieren   -   Zirkulieren ,   als   Werbemittel   für   die   Programmrepräsentation   und   den Vertrieb,   der   damals   auch   zu   gesetzlicher   Verfolgung   wegen   der Aktaufnahmen   geführt   hat, und   dem   Konsumieren    bzw.   Aneignen.   Dieser   Punkt   beleuchtet   den   Aspekt,   wie   Mediziner, Anthropologen,    Künstler    oder    Lebensreformbewegte    mit    den    Aufnahmen    des    Verlags Schmidt   umgegangen   sind.   Die   Ausstellungsobjekte   werden   von   Ausnahmen   abgesehen   in Vitrinen   gezeigt,   die   angemessener   die   vielfältigen   Praktiken   dokumentieren   können,      da die   gezeigten   Objekte   nicht   in   einer   hierarchischen   Ordnung   (an   die   Wand   die   Kunst,   in   die Vitrinen   das   archivalische   Beiwerk)   präsentiert   werden.   Zudem   zeigt   sich   durch   das   bloße Hineinlegen    der    Bilder    in    die    Vitrine    deren    Materialität    deutlicher,    als    wenn    sie passepartouriert an der Wand hängen.
EDUARD BÜCHLER 1861–1958 Akt 4473, um 1904 Glanzkollodiumpapier mit blaugefärb-ter Barytschicht, Carte de cabinet (10 × 14 cm) Foto: Albertina, Wien
Das   weltweit   florierende   und   einträglichste   Geschäft   war   die   Aktproduktion.   Und   das   Wort Produktion   trifft   es   am   besten:   Otto   Schmidt   schuf   zusammen   mit   Eduard   Büchler   immerhin tausende   Sujets.   Dabei   verlief   die   Grenze   zwischen   künstlerischen   und   vom   Strafgesetz verbotenen   unzüchtigen   Bildern   nicht   immer   ganz   eindeutig.   Die   Aktstudien   zirkulierten über   Händlernetzwerke   auch   in   Übersee,   kamen   als   Vorlagenstudie   in   den   Besitz   vieler   Maler und    Bildhauer    und    wurden    in    Büchern    abgebildet,    die    sich    mit    der    „Frauenschönheit“ befassten. dMP:   Wohnt   neben   dem   Zweck   des   Geschäftes   damals   –   für   heutige   Verhältnisse   den Aktaufnahmen   nicht   eine   tolle   Ästhetik   inne,   die   einen   größeren   künstlerischen   als erotischen Wert mitbringt? Michael   Ponstingl:   Das   "Geschäfte"   im   Ausstellungstitel   zielt   nicht   allein   aufs   Monetäre, sondern   auch   auf   die   "Geschäfte",   die   andere   mit   den   Bildern   verfolgen,   also   mit   dem Publizieren   der   Bilder,   um   eigene   Aussagen,   eigenes   Wissen   zu   generieren.   Die   Aktauf- nahmen   von   Otto   Schmidt,   dem   ausgebildeten   Maler   Eduard   Büchler   und   deren   Mitarbeiter Johann   Riediger,   zusammen   immerhin   rund   8000   Aufnahmen,   sind   sehr   heterogen.   Es   gibt klare   reduzierte   anatomische   Studien,   die   bestimmt   sehr   wertvolle   Hilfen   boten,   andere wiederum   inszenieren   üppige   Boudoirszenen   à   la   Makart,   orientalistische   Szenografien   bis   zu Atelierszenen   und   Anspielungen   auf   Gemälde.   Die   Bilder   wurden   zu   unterschiedlichsten Zwecken    gebraucht,    darunter    auch    künstlerische    und    wissenschaftliche,    aber    auch    als erotische   Stimulantia.      Ich   sehe   auch   keinen   zwingenden   Gegensatz   zwischen   Kunst,   Erotik und   Pornografie,   obgleich   hier,   besieht   man   sich   die   Geschichte,   permanent   Differenzier- ungen    und    Abgrenzungen,    teils    in    Gerichtsprozessen,    getroffen    wurden,    um    etwas    zu legitimieren bzw. delegitimieren. dMP:      Dabei   ist   ja   nicht   nur   der   Bezug   zur   Klassik   in   der   Dekoration   der   Fotografien   zu sehen – sind auch die Posen der Modelle zeitlos? Michael     Ponstingl:     Ein     Teil     der     Dekorationsgegenstände     hat     seinen     Ursprung     im Herrschaftsporträt   -   Attribute   wie   die   Säule   oder   der   Vorhang   -   und   diente   im   beauftragten Kundenporträt   oft   dazu,   den   Abgebildeten   zu   nobilitieren.   Die   Posen   der   Modelle   sind   zu heterogen,   um   generalisierte   Aussagen   zu   treffen.   Es   gibt   Anspielungen,   historische   Zitate bis zu anatomisch relevanten Haltungen.
OTTO SCHMIDT 1849–1920 Akt 3537, um 1900 Albuminpapier auf Untersatzkarton, Carte de cabinet (14 × 10 cm) Mila Palm, Wien Foto: Mila Palm, Wien
dMP:   Auch   die   Händestudien   spiegeln   2000   Jahre   Kunstgeschichte   wider.   Wurden   diese „nur“   als   Anschauungsmaterial   von   Künstlern   verwendet   oder   sieht   man   in   ihnen   auch die Kunst um der Kunst willen? Michael   Ponstingl:   Es   ist   ein   Phänomen   der   Fotogeschichtsschreibung   und Ausstellungspraxis, dass   fotografische   Vorlagenstudien,   die   Künstlern,   Kunsthandwerkern   oder   Architekten   als Arbeitsbehelf   dienten,   als   autonome   Kunst   gesehen   oder   dazu   gemacht   wird.   Mir   ist   wichtig, den   historischen   Kontext   in   der   Ausstellung   zu   kommunizieren,   und   das   geht   besser   in Vitrinen   als   mit   passepartourierten   Bildern   an   der   Wand.   Ich   möchte   es   den   Besuchern überlassen, wie sie die Bilder bewerten und für sich in ihre Erfahrung integrieren. dMP:   Die   Wiener   Typen   sind   fotografisch   ja   fabelhaft   inszeniert   –   was   sagt   es   aus   der Sicht des Kurators über die damalige Zeit? Michael   Ponstingl:   Das   Genre   der   Wiener   Typen   gibt   es   letztlich   bis   heute,   nicht   mehr unbedingt   in   der   Fotografie,   sondern   in   anderen   Medien   wie   dem   Film,   der   Musik   etc.   Dieses Genre   sehe   ich   -   in   aller   Kürze   -   als   eine   vergleichsweise   konservative   Reaktion,   mit   den Zumutungen   der   Moderne   (Großstadtwerdung,   Urbanisierung,   Zuwanderung,   Proletarisierung etc.)   umzugehen.   Es   suggerierte   eine   geordnete,   überschaubare   Welt,   ein   "Alt-Wien",   und dabei   stand   das   Fabriksproletariat   vor   der   Tür,   Wohnungselend   etc.   Spannend   ist,   dass gerade   ein   "Zugereister"   wie   Schmidt   die   fotografische   Umsetzung   dieses   Genres   am   viel- fältigsten und umfänglichsten bewerkstelligte. dMP:   Es   ist   eine   totale   Diskrepanz:   vor   140   Jahren   wurde   alles   für   eine Aufnahme   bis   in das   kleinste   Detail   -   wie   Bühne   und   Licht,   Handhaltung,   etc.   -   arrangiert.   Wie   stehen   Sie zu der Flut an „unbedachten“ Fotos heute? Sehen Sie irgendeinen Wert darin? Michael   Ponstingl:   Auch   heute   noch   gibt   es   diese   aufwändigen   Inszenierungen   von   einem einzelnen   Foto.   Harun   Farocki   hat   das   einmal   in   einem   Film   ( Ein   Bild ,   1983)   sehr   detailliert für   ein   Playboy-Aktshooting   vorgeführt.   Man   sieht   sehr   deutlich,   dass   lauter   Profis   am   Werk sind und von einer erotischen Stimmung am Set ist keine Spur ... Es   gibt   sehr   viele   unterschiedliche   Praktiken   von   Fotografieren,   die   schwerlich   vergleichbar sind.   Heute   hat   quasi   jeder   die   Möglichkeit,   mit   seinem   Handy   Fotograf   zu   sein.   Hier   ist   ein ganz   anderer   und   neuer   Umgang   mit   Fotos,   ein   Sich-Mitteilen   entstanden,   eine   Ausdrucks- möglichkeit,   die   davor   nicht   so   vielen   zur   Verfügung   stand.   Also   kann   man   darin   emanzi- patorische und kommunikative Qualitäten erkennen. Die Ausstellung   ist   bis   28. August   zu   besuchen,   ergänzend   zum   Nachblättern   gibt   es   auch   den Katalog, erschienen im Verlag Fotohof edition. dMP: Herzlichen Dank für das Gespräch!
OTTO   SCHMIDT   1849–1920   „Banlstierer   (Knochensammler)“ (aus Wiener Typen), um 1876/77 koloriertes Albuminpapier auf Verlagskarton, Carte   de   cabinet   (14   ×   10   cm),   verlegt   bei   A.   F.   Czihak, Wien Photoinstitut Bonartes, Wien Foto: Photoinstitut Bonartes, Wien