der muerzpanther
WENN ÄSTHETIK WISSENSCHAFT TRIFFT Wenn   die   Almen   kuhfrei   werden,   die   Nebel   entlang   der   Wiesen   ziehen   und   die   Öfen   in   den Häusern   geheizt   werden,   wird   es   Herbst.   Es   ist   vielleicht   die   schönste   Jahreszeit,   die   durch ihr   Licht   die   eindringlichsten   Impressionen   zaubert.   Sturm   -   zu   trinken   -   gibt   es   auch bereits.   In   diesem   Umfeld   zieht   es   viele   noch   in   die   Berge,   da   bei   stabilen   Wetterver- hältnissen Wanderungen einen besonderen Reiz haben. Sollten    Sie    noch    eine   Anregung    brauchen,    empfehle    ich    als   Ausgangspunkt    mit    einem reichen   Angebot   an   Kulinarik,   Kultur   und   Wanderungen   aller   Schwierigkeitsgrade   bis   in   die hohen   Tauern,    Gmünd    in    Kärnten.    Dabei    verbindet    man    die    2600    Seelengemeinde    am ehesten   mit   Kultur.   Sie   selbst   stellt   sich   als   Künstlerstadt   dar   -   und   das   zu   Recht!   Unzählige Ateliers   säumen   die Altstadt,   die   auf   mich   einen   besonderen   Reiz   ausübt.   Vom   romanischen Karner,   dessen   Fresken   aus   der   zweiten   Hälfte   des   14.   Jahrhunderts   stammen   und   wirklich sehenswert   sind,   über   Antiquitäten   bis   hin   zu   moderner   Kunst   ist   sehr   viel   vertreten. Spektakuläre   Plätze   vermitteln   ein   tolles   Gefühl,   der   Hauptplatz   wird   von   dem   aus   dem frühen   16.   Jahrhundert   stammenden   unteren   Stadtturm   begrenzt.   Dieser   beherbergt   die Stadtturmgalerie,   die   heuer   noch   bis   zum   2.   Oktober   eine   richtig   interessante   und   in   den Medien    hochgelobte    Ausstellung    zum    375.    Geburtstag    der    Künstlerin    und    Naturwis- senschafterin Maria Sibylla Merian (1647-1717) zeigt.   
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Am schönsten sind meine geliebten Feuerlilien noch immer in der Natur, danach kommen aber gleich die Darstellungen der Maria Sibylla Merian.   Kunstkabinett Strehler, Sindelfingen/Stuttgart
Maria    Sibylla    Merian    ging    ihrer    Zeit    geschuldet,    rein    empirisch    vor.    Sie    beobachtete, beschrieb   und   zeichnete.   Aber   sie   systematisierte   und   klassifizierte   nicht,   schuf   also   keine naturwissenschaftlichen   Ordnungssysteme.   Das   ist   vielleicht   mit   ein   Grund,   warum   ihr   Werk gerade   auch   von   der   künstlerischen   Seite   so   viel   Beachtung   findet.   Eine   Erkenntnis   ihres Schaffens   sind   die   Lebensgemeinschaften   vieler   Insekten:   So   stellt   sie   Bienen,   Wespen   und Fliegen    zusammen    mit    Motten    und    Schmetterlingen    dar    und    begeistert    nicht    nur    ihre Zeitgenossen   mit   ihren   kunstvollen,   bis   ins   Detail   naturgetreuen   Abbildungen   von   Pflanzen und   Insekten,   die   sie   in   ihren   drei   Hauptwerken,   dem   frühen   „Blumenbuch“,   den   beiden „Raupenbücher“   und   in   ihrem   großformatigen   „Metamorphosis   insectorum   Surinamensium“ veröffentlicht.   Das   Besondere   der Ausstellung   in   Gmünd   ist   auch,   dass   aus   allen   drei   Werken eine umfassende und ansprechende Auswahl präsentiert wird. Die   Künstlerin   setzt   sich   bereits   im   Alter   von   13   Jahren   mit   der   Beobachtung   von   Insekten auseinander.   Ihr   familiäres   Umfeld   bildete   ihr   Stiefvater   Jacob   Marrel,   Stilllebenmaler   und     die    zwei    Halbbrüder    Matthäus    und    Caspar,    ebenfalls    Kupferstecher    und    Verleger.    Das Interesse   an   der   Natur   führt   sie   bald   zur   systematischen   Erforschung   der   Entwicklung   von Schmetterlingen,   die   in   der   Mitte   des   17.   Jahrhunderts   weitgehend   unbekannt   war.   Neben Blumen-   und   Fruchtstillleben   malt   sie   detailreich   die   „Metamorphose“   der   Lepidoptera   mit deren   Nahrungspflanzen.   Die   Vorlagen   für   viele   Darstellungen   stammen   -   wie   in   dieser   Zeit üblich   -   aus   früheren,   anderen   Quellen.   So   bedient   sich   auch   Merian   zahlreicher   Studien   der 1592   in   Frankfurt   herausgegebenen   „Archetypa“   von   Jakob   Hoefnagl.   Der   erste   Teil   des Blumenbuches   enthält   aber   schon   genügend   Originelles   bezüglich   Stil   und   Komposition,   um die selbstständige Künstlerin darin zu entdecken.
Maria Sibylla Merian, Birne, Großer Fuchs, Obstbaumgespinstmotte und Erzwespe. Aquarell- und Deckfarben auf Pergament; Kunstkabinett Strehler, Sindelfingen/Stuttgart Das Aquarell entstand als Vorlage für Tafel 2 des zweiten Raupenbuches. Auf dem zweig einer Birne ist die Metamorphose des Großen Fuchses, der Obstgespinstmotte und einer Erzwespe dargestellt. Aus einigen Puppen des Großen Fuchses schlüpfen weiße Maden, die sich verpuppen - es sind Jugendstadien der Erzwespen.
Die    sehr    sorgfältig    kuratierte    und    zusammengestellte   Ausstellung    in    Gmünd    führt    den Besucher    durch    die    gesamte    Schaffensperiode    mit    ausgewählten    und    spektakulären Darstellungen   der   Naturforscherin.   Daneben   kommt   auch   ihr   Leben   und   die   Bedeutung   für ihre   Zeit   nicht   zu   kurz,   erhält   aber   keineswegs   die   Überhand.   So   stellt   sich   das   Werk ausgewogen   und   informativ   dar,   unterhält   gleichzeitig   und   kann   begeistern.   Dazu   trägt   auch der    Rahmen    bei,    die    Räumlichkeiten,    die    im    Stadtturm    für    den    Ausstellungsbetrieb geschaffen    und    adaptiert    wurden.    Die    Jahrhunderte    zwischen    dem    Bauwerk    und    den Darstellungen   der   Merian   sind   nicht   so   weit   auseinander,   als   dass   man   die   Stimmigkeit   nicht spüren   kann,   weswegen   dieser   Rahmen   für   die   Präsentation   in   Österreich   kaum   besser gewählt sein könnte. Die   Ausstellung   in   Gmünd   soll   mit   einer   prachtvollen   Auswahl   an   Kupferstichen,   Umdrucken und   Aquarellen   aus   allen   drei   Hauptwerken   Merians   bewusst   machen,   welch   künstlerischer und   zugleich   auch   wissenschaftlicher   Stellenwert   den   Arbeiten   Merians   zukommt.   Freuen darf    man    sich    in    Gmünd    besonders    auf    die    umfangreiche    Auswahl    an    wunderbaren großformatigen, altkolorierten Kupferstichen Merians aus dem berühmten Surinambuch. Es   gibt   dabei   für   jeden   Besucher   einen   Höhepunkt,   mir   waren   es   die   heimischen   Lilienarten. Andere    erfreuen    sich    an    den    Darstellungen    der    tropischen    Schmetterlingsarten,    einige wiederum   an   Bananen   und Ananas.   Die   erwähnten   Lilien   -   Feuerlilie   und Türkenbund   -   waren im    ersten    Teil    des    „Florum    Fasciculus    Primus“    enthalten.    Neben    Tulpen,    Narzissen, Krokussen    und    Schachbrettblumen,    neben    Rosen,    Stiefmütterchen    und    Pfingstrosen. Insgesamt   beinhaltete   der   erste   Teil   12   Tafeln,   mitsamt   dem   zweiten   und   dritten   Teil   stellte sie   auf   insgesamt   36   Kupferstichen   die   Lieblingsblumen   des   17.   Jahrhunderts   zusammen.   In der    formalen    Gestaltung    knüpft    sie    in    ihren    Blumenbüchern    an    die    Florilegien     (Anm.: dokumentierte    Kataloge    botanischen    Inventars,    gebräuchlich    bis    in    die    Neuzeit,    teils gebunden,   teils   in   Einzelblättern   in   Umlauf   gebracht)   des   frühen   17.   Jahrhunderts   an: traditionell   ornamental   in   der   Darstellung   wurden   ab   dem   16.   Jahrhundert   mit   Aufkommen der   Drucktechniken   Kunstschaffende   beauftragt,   Pflanzen   und   Kräuter   festzuhalten.   Das gleichzeitig   entstehende   erste   „Raupenbuch“   von   Merian   erhebt   aber   schon   einen   anderen Anspruch:   Dienten   die   Blumenbücher   als   Vorlage   für   dekorative   Malereien   und   Stickereien für   wohlhabende   junge   Damen   aus   der   Nürnberger   Oberschicht,   präsentiert   sich   das   Raupen- buch bereits als naturkundliches Werk mit künstlerischem Anspruch.
Narzissen,   Vergissmeinnicht   und   Schmetterling   von Maria   Sibylla   Merian,   um   1657–1659.   Merian   führt hier    in    der   Art    des    Florilegiums    ihres    Vaters    die Züchtungsvielfalt an Narzissen ihrer Zeit vor. Quelle: Wikipedia
Die    Gmünder    Ausstellung    präsentiert    mit    Maria    Sibylla    Merian    eine    außergewöhnliche Künstlerin,   die   sich   über   viele   Konventionen   ihrer   Zeit   hinweggesetzt   und   ein   weitgehend selbstbestimmtes   Leben   geführt   hat.   Bei   ihren Arbeiten   spürt   man   die   Liebe   und   Faszination zur   Natur,   die   sie   bereits   als   Kind   für   die      kleinen   Lebewesen   und   da   vor   allem   für   die geheimnisvolle   Metamorphose   der   Schmetterlinge   entwickelt   hat.   Die   Darstellungen   der Schmetterlinge    samt    ihren    Eiern,    Raupen    und    Verpuppungen    auf    ihren    jeweiligen Wirtspflanzen   zählen   bis   heute   zum   Schönsten,   was   es   an   Tier-   und   Pflanzendarstellungen   in der   Kunstgeschichte   zu   sehen   gibt.   Diese   Einzelschau   einer   Künstlerin   von   Weltrang,   belegt     mit   einer   prachtvollen Auswahl   an   Kupferstichen,   Umdrucken   und Aquarellen   wird   durch   die Kuratoren        MMag.    Julia    Schuster,    STRABAG    Kunstforum,    Wien,    und    Dr.    Erika    Schuster, Kulturinitiative   Gmünd   zu   einem   echten   Erlebnis.   Die   Essenz   des   Schaffens   von   Maria   Sibylla Merian   wird   dem   Besucher   auf   den   drei   Ebenen   der   Stadtturmgalerie   mit   bedeutenden Werken    präsentiert.    Diese    exzellente    Schau    verzettelt    sich    auch    nicht    durch    das    das Überführen   von   Kunstgeschichte   in   die   Gegenwart,   mit   der   nötigen   Zurückhaltung      wird   der Einfluss auf nachfolgende Künstlergenerationen gezeigt. Eigentlich   kann   man   kaum   genug   bekommen,   doch   ist   der   Raum   begrenzt.   Die   Freude   über das   Gesehene   weckt   die   Vorfreude   auf   eine   noch   umfangreichere Ausstellung   …   und   um   den Bezug   zur   Gegenwart   zu   sehen,   zieht   man   am   besten   seine   Wanderschuhe   an   und   begibt   sich bei   morgendlich   steigenden   Nebeln   auf   eine   Wanderung   über   die   wunderschönen Almen   und Berge der Gegend um Gmünd.