der muerzpanther
NACH OBEN NACH OBEN
WO IST DER NUTZEN? Es    entstehen    immer    mehr    öffentliche    Grünflächen,    die    für    Blühpflanzen    und    Insekten gleichermaßen   Inseln   in   der   Stadt   sind.   Aber   wie   sehr   nützen   sie   den   Bienen   und   Käfern? Und   damit   auch   der Artenvielfalt   der   Flora?   Um   das   festzustellen   gibt   es   das   Instrument   des „monitorings“.    Wo    vorher    eintönige    gemeindeeigene    Grünflächen    waren,    wachsen    seit kurzem   wieder   vielfältige   Blumen   und   Kräuter.   Beispiele   sind   Kreisverkehre,   Marktplätze oder   schlicht   Grünstreifen   um   öffentliche   Gebäude.   Im   Rahmen   des   Projekts   "Natur   in   der Gemeinde"   gestalten   immer   mehr   Orte   in   Salzburg   und   EU-weit   einige   ihrer   kommunalen Grünflächen   lebensfreundlich,   um   auf   diese   Art   dem   wachsenden   Artenschwund   und   vor allem   dem   rasanten   Insektensterben   -   zumindest   in   kleinem   Rahmen   -   etwas   entgegen- zusetzen.   Dafür   sollen   wieder   mehr   Wildbienen,   Hummeln,   Schmetterlinge   fliegen   und mehr Käfer krabbeln. Doch   was   bringen   "ökologisch   aufgewertete"   Grünflächen   tatsächlich   für   die   Artenvielfalt? Also   kleinräumige   Grünbereiche   wo   man   die   Natur   großteils   sich   selbst   überlässt,   wo   nicht gedüngt,   nicht   gemulcht,   höchstens   ein   bis   zwei   Mal   jährlich   gemäht   wird?   Um   Antworten zu   bekommen,   werden   seit   einem   Jahr   an   40   Standorten   -   vorwiegend   im   Flachgau   - Wildbienen    und    Käfer    beobachtet    und    erfasst.    Mit    Prof.    Jan    Christian    Habel    hat    der MÜRZPANTHER gesprochen.
dMP:    Die    kommunalen    Flächen    werden    häufig    zur    Repräsentation    genutzt.    Auch Touristen   sollen   einen   Eindruck   mitnehmen,   der   als   „gepflegt“   gilt   =   gemäht,   Blumen   in Mustern gesetzt und ja keine Beikräuter! Findet jetzt ein Umdenken statt? Jan   Christian   Habel:   Punktuell   ja,   großflächig   (noch)   nicht.   Ich   bin   der   Meinung   dass   solche "Öko"-Flächen   gekennzeichnet   werden   sollten   mit   einem   kleinen   Schild,   damit   die   Leute sehen   dass   hier   nicht   das   Mähen   vergessen   wurde,   sondern   dass   es   bewusst   so   ist   und   sein soll.   dMP:    Prämiert    und    ausgezeichnet    werden    aber    immer    noch    Gemeinden    mit    den „schönsten“    Blumenarrangements    auf    öffentlichem    und    privaten    Raum.    Sollte    nicht endlich   auch   die   Gemeinde   mit   dem   „natürlichstem“   Erscheinungsbild   prämiert   werden   oder der größten Artenvielfalt? Jan   Christian   Habel:   Das   fände   ich   gut,   aber   der   Mensch   findet   eine   gewisse   Ordnung   und Symmetrie   bestimmt   ansprechender   als   eine   natürliche   Unordnung   (siehe   auch   die      Parkan- lagen des historischen Adels). dMP:   Viele   haben   vor   Insekten   auch   Angst   und   saugen   im   Haus   Spinnen   weg,   zertreten Käfer   und   zerklatschen   fliegende-   was   auch   immer.   Muss   hier   nicht   die   Sicht   generell zuerst geändert werden, um Verständnis für das Krabbeln allgemein zu erreichen? Jan   Christian   Habel:   Ich   denke   es   ist   kein   Problem   wenn   Menschen   keine   Insekten   in   ihren Wohnungen   haben   möchten,   evtl.   auch   voll   verständlich;   Aber   im   Garten   sollte   man   schon Insekten als Teil der Natur und des Gartens betrachten. dMP:   Die   Kenntnis   um   Käfer   und   Insekten   der   meisten   ist   verheerend.   Man   kennt   den Wert   der   Nützlinge   (das   sind   wohl   die   meisten   im   Garten)   nicht.   Jeder   aber   kann   sich informieren – woran liegt es dann? Weil es keine Charity Veranstaltungen dafür gibt? Jan   Christian   Habel:   In   der   Bildung   und   Ausbildung   von   LehrerInnen   liegt   meines   Erachtens viel   Potential.   Wir   bilden   hier   in   Salzburg   viele   junge   Menschen   zu   Lehrkräften   aus,   die   dann wiederum   als   Multiplikatoren   ihre   Erfahrungen   und   ihr   Wissen   weitergeben   -   und   wir   hoffen auf diese Weise auch die jungen Menschen zu erreichen.
Bringen   diese   "ökologisch   aufgewerteten"   Grünflächen   tatsächlich   mehr   Artenvielfalt?   Wo aus   Samen   heimischer   Pflanzen   oft   bunte   Blühparadiese   entstehen,   vor   allem   wenn   vorher der    mit    Stickstoff    angereicherte    Oberboden    abgetragen    wurde    und    zum    Nisten    von Wildbienen oder Hummeln zum Beispiel Steine im Boden angebracht wurden? dMP:   Wie   weit   hat   der   Boden   Einfluss   auf   die   Vielfalt   der   naturnah   bewirtschafteten Flächen–   mit   den   Pflanzen   kommen   ja   auch   Insekten.   Dabei   weiß   jeder   Gärtner,   dass Wildpflanzen,   weil   sie   ein   sehr   spezielles   Bodenklima   brauchen,   schwierig   zu   setzen   und zu   kultivieren   sind.   Oder   wird   auf   den   genannten   Plätzen   einfach   die   „Bienenmischung“ gestreut? Jan    Christian    Habel:    Der    Boden    ist    essentiell,    häufig    muss    der    Oberboden    abgetragen werden,   da   die   Böden   häufig   sehr   nährstoffreich   sind   und   somit   eine   Blütenwiesen   nicht etabliert   werden   kann.   Es   wird   schon   fachlich   fundiert   betreut,   heimisches   Saatgut   angesäht und die Böden entsprechend vorbereitet. dMP:   Werden   die   Böden   auch   auf   Rückstände   früherer   Zeit   untersucht   oder   werden   sie generell   erneuert?   Dazu:   wie   „heikel“   sind   Wildbienen   für   ihre   Erdbauten   in   ihrer Bodenwahl? Jan    Christian    Habel:    Nein,    es    werden    keine    Rückstandsanalysen    vorgenommen,    jedoch werden   Bodenstrukturen   geschaffen   die   auch   Wildbienen   zuträglich   sind   -   hierbei   spielt Rohboden eine zentrale Rolle. dMP: Sollte sich der Bestand nicht völlig selbstständig entwickeln? Ohne Nisthilfen? Jan   Christian   Habel:   Wir   verwenden   unsere   Nisthilfen   um   zu   untersuchen,   welche   Wild- bienenarten   es   in   der   Landschaft   gibt.   Nisthilfen   sind   generell   positiv,   und   es   gibt   tatsäch- lich   in   unserer   aufgedüngten   und   sehr   häufig   gemähten   Landschaft   kaum   noch   Nistmöglich- keiten   für   Wildbienen.   Wildbienen   nisten   in   Rohboden/Schuttstrukturen   die   offen   sind,   und in Halmen, die auch mal über den Winter irgendwo bleiben.
dMP:   Wie   hoch   ist   die   Dichte   an   Arten   und   Vorkommen   der   Käfer,   Spinnen,   etc.   in „gepflegtem“ Umfeld – und wie hoch in „naturnahem“? Jan Christian Habel: Wir sind noch am Auszählen von unseren Daten ... dMP:   Bringt   es   überhaupt   etwas   seinen   Garten   naturnah   zu   belassen,   wenn   alle   anderen herum   „gepflegt“   werden?   Wie   groß   muss   ein   Grundstück/   eine   Fläche   als   Kleinst- lebensraum sein, um nachhaltig einen Bestand einer Käferart erhalten zu können? Jan   Christian   Habel:   Jeder   m2   zählt,   irgendwo   muss   ein Anfang   gemacht   werden,   vielleicht ziehen   ja   dann   immer   mehr   mit,   und   am   Schluss   ist   es   ein   Mosaik   an   potentiellen   kleinen Lebensräumen. Die Gesamtgartenfläche ist unglaublich groß! dMP:    Sind    Glühwürmchen    Zeigertiere    für    ein    gutes    Umfeld?    Gibt    es    andere,    die Naturnähe klar charakterisieren? Jan   Christian   Habel:   Nein,   Glühwürmchen   nicht,   eher   Wildbienen,   bestimmte   Schmetter- lingsarten, Laufkäferarten usw. dMP:   Wie   lange   braucht   es   für   das   Erreichen   einer   halbwegs   „naturnahen“   Umgebung? Abbauzeit diverser Mittel? Jan   Christian   Habel:   Darüber   ist   wenig   bekannt.   Es   ist   bekannt   dass   inzwischen   Pestizide flächendeckend   (auch   auf   Spielplätzen)   nachzuweisen   sind   ...   hierzu   empfehle   ich   das   Buch von J. Zaller von der Boku Wien "Unser täglich Gift". dMP: Herzlichen Dank für das Gespräch!
Der   Aufwand   für   etwas   mehr   Naturnähe   ist   immer lohnend.   Beispielsweise   kann   man   dann   auch   Bläu- linge   beobachten.   Sie   „auf   die   schnelle“   zu   bestim- men,   fällt   sogar   Fachleuten   schwer.   Denn   es   gibt alleine in Österreich derer 51 Arten!  der MÜRZPANTHER
Das ist die Anlauf- , Anflug- und Zählstelle der heimischen Insekten. Im konkreten Fall in Salzburg. Die Nisthilfen wurden im letzten Frühjahr angebracht, im Herbst sammelte das Team um Professor Habel diese wieder ein und zählte, wieviel belegt wurde. Foto: Tobias Seifert.
Ich   kann   nicht   sagen,   wie lange   man   zur   Zeit   zählen müßte,    um    die    Pflanzen- vielfalt    einer    naturnahen Wiese   -   so   wie   auf   diesem Foto   eines   Naturliebhabers -   zu   bestimmen.   Den   Insek- ten taugt`s bestimmt! der MÜRZPANTHER